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     V kn.: "Erich Kästner. Fabian. Die Geschichte eines Moralisten". Atrium
Verlag,  Zürich.   Printed  in  Germany  1999.   OCR  &  spellcheck   by
Pashka-Nemets, 5 February 2003
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     Vorwort des Verfassers

     Über  dieses nunmehr bald fünfundzwanzig Jahre alte Buch  kursierten im
Laufe der Zeit  recht verschiedene  Urteile, und es wurde noch  von manchen,
die  es  lobten,  mißverstanden.  Wird man's  heute besser  verstehen?
Ge­wiß   nicht!  Wie  denn  auch?  Daß   im  Dritten  Reich  die
Geschmacksurteile  verstaatlicht,  in Phrasen  geliefert  und  millionenfach
geschluckt  wurden,  hat Geschmack  und Urteil  breiter Kreise bis in unsere
Tage  verdorben.  Und  heute sind, noch  ehe sie sich regenerieren  konnten,
bereits   neue,  genauer,   sehr  alte  Mächte  fanatisch   dabei,  wiederum
standardisierte Meinungen  - gar nicht so verschieden von  den vorherigen  -
durch  Massenimpfung  zu verbreiten. Noch  wissen  viele  nicht, viele nicht
mehr, daß man  sich Urteile selber bilden  kann und sollte. Soweit sie
sich darum bemühen, wissen  sie  nicht, wie man's anfängt.  Und  schon sind,
angeblich  zum Schütze der  Jugend, Kuratelgesetze gegen moderne  Kunst  und
Literatur in Vorbereitung.  Das  Wort "zersetzend"  steht  im Vokabular  der
Rückschrittler längst  wieder  an  erster  Stelle. Verunglimpfung  ist eines
jener Mittel, die  den Zweck  nicht nur heiligen,  sondern ihn, nur zu  oft,
auch erreichen.
     So wird heute noch  weniger als  damals begriffen werden, daß der
"Fabian"   keineswegs   ein  "unmoralisches",   sondern  ein   ausgesprochen
moralisches  Buch ist. Der ursprüngliche Titel,  den, samt  einigen  krassen
Kapiteln,  der  Erstverleger  nicht zuließ,  lautete "Der Gang vor die
Hunde". Damit sollte, schon auf dem Buchumschlag, deutlich werden, daß
der Roman ein bestimmtes Ziel verfolgte: Er wollte warnen. Er wollte vor dem
Abgrund  warnen,  dem sich Deutschland und damit Europa näherten! Er  wollte
mit angemessenen,  und das  konnte  in diesem Falle nur bedeuten, mit  allen
Mitteln in letzter Minute Gehör und Besinnung erzwingen.
     Die  große  Arbeitslosigkeit,  die der  wirtschaftlichen folgende
seelische   Depression,   die  Sucht,  sich  zu   betäuben,  die   Aktivität
bedenkenloser Parteien, das waren Sturmzeichen der  nahenden Krise. Und auch
die unheimliche Stille vor dem Sturm fehlte  nicht - die einer  epidemischen
Lähmung gleichende Trägheit der Herzen. Es trieb manche, sich  dem Sturm und
der  Stille  entgegenzustellen. Sie  wurden beiseite geschoben. Lieber hörte
man den Jahr marktschreiern  und Trommlern  zu,  die  ihre  Senfpflaster und
giftigen Patentlösungen anpriesen. Man  lief  den Rattenfängern nach, hinein
in den Abgrund, in dem wir nun, mehr  tot als lebendig, angekommen sind  und
uns einzurichten versuchen, als sei nichts geschehen.
     Das  vorliegende Buch,  das großstädtische  Zustände  von  damals
schildert,  ist kein Poesie- und Photographiealbum, sondern eine Satire.  Es
beschreibt nicht, was war, sondern es übertreibt. Der Moralist pflegt seiner
Epoche keinen Spiegel, sondern einen Zerrspiegel vorzuhalten. Die Karikatur,
ein legitimes  Kunstmittel, ist das äußerste, was er vermag. Wenn auch
das  nicht  hilft,  dann hilft  überhaupt  nichts mehr.  Daß überhaupt
nichts  hilft,  ist  - damals wie  heute - keine Seltenheit. Eine Seltenheit
wäre es  allerdings,  wenn das den Moralisten entmutigte.  Sein angestammter
Platz ist  und bleibt  der verlorene Posten. Ihn füllt er, so  gut  er kann,
aus. Sein Wahlspruch hieß immer und heißt auch jetzt: Dennoch!
     Erich Kästner




     ERSTES KAPITEL

     Ein Kellner als Orakel
     Der andere geht trotzdem hin
     Ein Institut für geistige Annäherung

     Fabian  saß   in  einem   Café  namens  Spalteholz  und  las  die
Schlagzeilen  der  Abendblätter.  Englisches   Luftschiff   explodiert  über
Beauvais,  Strychnin  lagert  neben  Linsen, Neunjähriges  Mädchen  aus  dem
Fenster gesprungen, Abermals erfolglose Ministerpräsidentenwahl, Der Mord im
Lainzer  Tiergarten,  Skandal im Städtischen Beschaffungsamt, Die künstliche
Stimme in der Westentasche, Ruhrkohlenabsatz  läßt nach, Die Geschenke
für Reichsbahndirektor Neumann, Elefanten auf dem Bürgersteig, Nervosität an
den Kaffeemärkten, Skandal um  Clara Bow,  Bevorstehender  Streik von 140000
Metallarbeitern, Verbrecherdrama  in  Chikago, Verhandlungen in Moskau  über
das  Holzdumping,  Starhembergjäger rebellieren. Das tägliche Pensum. Nichts
Besonderes.  Er  nahm  einen  Schluck  Kaffee und  fuhr  zusammen.  Das Zeug
schmeckte  nach Zucker. Seitdem er, zehn Jahre war das her, in  der Mensa am
Oranienburger Tor  dreimal wöchentlich  Nudeln mit  Sacharin hinuntergewürgt
hatte, verabscheute er  Süßes. Er zündete sich eilig eine Zigarette an
und rief den Kellner.
     "Womit kann ich dienen?" fragte der.
     "Antworten Sie mir auf eine Frage."
     "Bitte schön."
     "Soll ich hingehen oder nicht?"
     "Wohin meinen der Herr?"
     "Sie sollen nicht fragen,  Sie sollen antworten. Soll ich hingehen oder
nicht?"
     Der Kellner kratzte sich unsichtbar hinter den  Ohren. Dann trat er von
einem  Plattfuß auf den anderen und meinte  verlegen:  "Das beste wird
sein, Sie gehen nicht hin. Sicher ist sicher, mein Herr."
     Fabian nickte. "Gut. Ich werde hingehen. Zahlen."
     "Aber ich habe Ihnen doch abgeraten!"
     "Deshalb geh ich ja hin! Bitte zahlen!"
     "Wenn ich zugeraten hätte, wären Sie nicht gegangen?"
     "Dann auch. Bitte zahlen!"
     "Das versteh ich nicht!" erklärte der  Kellner  ärgerlich. "Warum haben
Sie  mich dann überhaupt gefragt?" "Wenn  ich  das  wüßte", antwortete
Fabian.
     "Eine  Tasse Kaffee,  ein Butterbrot,  fünfzig, dreißig, achtzig,
neunzig  Pfennig", deklamierte  der andere. Fabian legte eine Mark  auf  den
Tisch und  ging. Er  hatte keine  Ahnung, wo er  sich  befand.  Wenn  man am
Wittenbergplatz auf den Autobus I klettert, an der  Potsdamer Brücke in eine
Straßenbahn umsteigt, ohne  deren Nummer zu lesen, und zwanzig Minuten
später den  Wagen  verläßt, weil plötzlich  eine  Frau  drinsitzt, die
Friedrich  dem Großen ähnelt, kann  man wirklich nicht wissen, wo  man
ist.
     Er  folgte  drei  hastig  marschierenden  Arbeitern  und  geriet,  über
Holzkohlen  stolpernd, an Bauzäunen  und grauen  Stundenhotels  entlang, zum
Bahnhof  Jannowitzbrücke.  Im  Zug  holte  er  die  Adresse  heraus, die ihm
Bertuch,  der Bürochef, aufgeschrieben hatte: Schlüterstraße 23,  Frau
Sommer.  Er fuhr bis zum Zoo. Auf der Joachimsthaler Straße fragte ihn
ein dünnbeiniges, wippendes Fräulein, wie er drüber  dächte. Er beschied das
Anerbieten abschlägig, drohte mit dem Finger und entkam.
     Die Stadt glich einem Rummelplatz. Die  Häuserfronten waren  mit buntem
Licht  beschmiert,  und  die  Sterne am  Himmel konnten  sich  schämen.  Ein
Flugzeug knatterte über die Dächer. Plötzlich regnete es Aluminiumtaler. Die
Passanten blickten hoch, lachten und bückten sich. Fabian dachte flüchtig an
jenes  Märchen,  in dem ein kleines  Mädchen  sein  Hemd  hochhebt,  um  das
Kleingeld aufzufangen,  das vom Himmel fällt. Dann holte er von  der steifen
Krempe eines  fremden  Hutes einen Taler herunter. "Besucht  die  Exotikbar,
Nollendorfplatz  3,  Schöne  Frau  en,  Nacktplastiken,  Pension  Condor  im
gleichen Hause", stand darauf. Fabian hatte mit einem Male die  Vorstellung,
er fliege  dort oben im Aeroplan und sehe auf sich  hinunter, auf den jungen
Mann  in  der  Joachimsthaler  Straße,   im  Gewimmel  der  Menge,  im
Lichtkreis der Laternen und Schaufenster, im Straßengewirr der fiebrig
entzündeten Nacht.
     Wie klein der Mann war. Und mit dem war er identisch! Er überquerte den
Kurfürstendamm. An einem der Giebel rollte eine Leuchtfigur, ein Türkenjunge
war es, mit den elektrischen  Augäpfeln. Da  stieß jemand heftig gegen
Fabians Stiefelabsatz.  Er  drehte sich mißbilligend  um. Es  war  die
Straßenbahn gewesen. Der Schaffner fluchte.
     "Passense auf!" schrie der Polizist.
     Fabian zog den Hut und sagte: "Werde mir Mühe geben."
     In der  Schlüterstraße  öffnete  ein grünlivrierter  Liliputaner,
erklomm  eine  zierliche Leiter,  half  dem  Besucher  aus  dem  Mantel  und
verschwand.  Kaum  war  der kleine  Grüne weg, rauschte  eine  üppige  Dame,
bestimmt  Frau Sommer, durch  den Vorhang  und sagte:  "Darf ich Sie in mein
Büro bitten?" Fabian folgte.
     "Mir wurde Ihr Klub von einem gewissen Herrn Bertuch empfohlen."
     Sie  blätterte  in  einem Heft und nickte. "Bertuch,  Friedrich  Georg,
Bürochef,   40   Jahre,   mittelgroß,  brünett,  Karlstraße   9,
musikliebend, bevorzugt schlanke Blondinen, nicht  über fünfundzwanzig Jahre
alt."
     "Das ist er!"
     "Herr Bertuch  verkehrt  seit  Oktober bei  mir und war  in dieser Zeit
fünfmal anwesend."
     "Das spricht für das Institut."
     "Die Anmeldegebühr beträgt zwanzig Mark. Jeder Besuch kostet zehn  Mark
extra."
     "Hier  sind  dreißig  Mark."  Fabian   legte  das  Geld  auf  den
Schreibtisch.  Die üppige Dame steckte  die Scheine  in eine Schublade, nahm
einen Federhalter und sagte: "Die Personalien?"
     "Fabian,   Jakob,   32   Jahre   alt,   Beruf   wechselnd,   zur   Zeit
Reklamefachmann,  Schaperstraße  17,  herzkrank, Haarfarbe braun.  Was
müssen Sie noch wissen?"
     "Haben Sie hinsichtlich der Damen bestimmte Wünsche?"
     "Ich möchte mich nicht festlegen. Mein Geschmack neigt zu Blond,  meine
Erfahrung  spricht dagegen. Meine Vorliebe  gehört großen Frauen. Aber
das Bedürfnis ist nicht  gegenseitig. Lassen Sie die Rubrik  frei." Irgendwo
wurde Grammophon gespielt.  Die üppige Dame erhob sich  und  erklärte ernst:
"Ich darf  Sie,  bevor wir hineingehen, mit den wichtigsten Statuten bekannt
machen. Annäherungen der Mitglieder untereinander werden nicht übelgenommen,
sondern erwartet. Die Damen genießen dieselben Rechte  wie die Herren.
Von  der Existenz, der Adresse und den Gepflogenheiten des Instituts ist nur
vertrauenswürdigen Herrschaften Mitteilung zu  machen. Der idealen Absichten
des  Unter­nehmens  ungeachtet  sind  die Konsumkosten sofort zu begleichen.
Innerhalb der Klubräume hat keins  der Paare Anspruch darauf, respektiert zu
werden. Paare, die  ungestört  zu bleiben wünschen, werden gebeten, den Klub
zu verlassen. Das Etablissement dient  der Anbahnung von  Beziehungen, nicht
den  Beziehungen  selber.   Mitglieder,   die   einander  vorübergehend   zu
gegenseitigem  Befund  Gelegenheit gaben,  werden  ersucht,  das  wieder  zu
vergessen, da nur auf diese Weise Komplikationen  vermeidbar sind. Haben Sie
mich verstanden, Herr Fabian?"
     "Vollkommen."
     "Dann bitte ich Sie, mir zu folgen." Dreißig bis vierzig Personen
mochten anwesend  sein. Im ersten Raum wurde  Bridge gespielt. Nebenan wurde
getanzt. Frau Sommer wies dem neuen Mitglied einen  freien Tisch  an, sagte,
daß  man  sich   notfalls  jederzeit   an   sie   wenden   könne,  und
verabschiedete  sich. Fabian  nahm Platz, bestellte beim Kellner  Kognaksoda
und sah sich um. War er auf einer Geburtstagsgesellschaft?
     "Die Menschen sehen harmloser  aus, als sie sind", bemerkte ein kleines
schwarzhaariges Fräulein  und  setzte  sich  neben  ihn. Fabian  bot ihr  zu
rauchen an.
     "Sie wirken sympathisch", sagte sie. "Sie sind im Dezember geboren."
     "Im Februar."
     "Aha! Sternbild der Fische und paar  Tropfen Wassermann. Ziemlich kalte
Natur. Sie kommen nur aus Neugierde?"
     "Die Atomtheoretiker  behaupten, noch  die  kleinsten  Substanzpartikel
bestünden aus umeinander  kreisenden  elektrischen Energiemengen. Halten Sie
diese Ansicht für eine Hypothese  oder für eine  Anschauung,  die dem wahren
Sachverhalt entspricht?"
     "Empfindlich  sind Sie  auch noch?"  rief  die  Person.  "Aber es macht
nichts. Sind Sie hier, um sich eine Frau zu suchen?"
     Er hob die Schultern. "Ist das ein förmlicher Antrag?"
     "Unsinn! Ich war zweimal verheiratet, das genügt vorläufig. Die Ehe ist
nicht  die richtige Ausdrucksform  für mich.  Dafür  interessieren mich  die
Männer zu sehr. Ich stelle mir  jeden, den ich sehe und der mir gefällt, als
Ehemann vor."
     "In seinen prägnantesten Eigenschaften, will  ich hoffen." Sie  lachte,
als  hätte  sie  den Schlucken,  und legte die Hand auf sein Knie.  "Richtig
gehofft! Man  behauptet, ich litte an stellungssuchender Phantasie.  Sollten
Sie im Verlauf des Abends das Bedürfnis haben,  mich nach  Hause zu bringen,
meine Wohnung und ich sind klein, aber  stabil." Er entfernte die fremde und
unruhige Hand von seinem Knie und meinte: "Möglich ist alles. Und jetzt will
ich mir  das  Lokal ansehen."  Er  kam  nicht  dazu.  Wie er sich  erhob und
umwandte, stand eine große, programmäßig gewachsene Dame vor ihm
und sagte: "Man wird gleich tanzen."
     Sie war größer als er  und blond  dazu. Die kleine schwarzhaarige
Schwadroneuse befolgte die Statuten  und ver­schwand. Der Kellner setzte das
Grammophon in Gang. An  den Tischen  entstand Bewegung.  Man tanzte.  Fabian
betrachtete die  Blondine  sorgfältig.  Sie  hatte  ein  blasses  infantiles
Gesicht  und sah  zurückhaltender aus, als sie,  ihrem  Tanze nach,  zu sein
schien. Er schwieg und spürte, daß in wenigen Minuten jener  Grad  von
Schweigsamkeit  erreicht  wäre,  der  den  Anfang  eines  Gesprächs,   eines
belanglosen dazu,  unmöglich  macht. Glücklicherweise trat er  ihr  auf  den
Fuß. Sie wurde gesprächig. Sie zeigte ihm die zwei Damen, die einander
neulich  wegen eines Mannes geohrfeigt und  die Kleider  aufgerissen hatten.
Sie  berichtete,  daß  Frau  Sommer  ein  Verhältnis  mit  dem  grünen
Liliputaner  habe,  und  erklärte,  daß sie sich  diese Liaison  nicht
auszumalen wage. Schließlich fragte sie, ob er noch bleiben wolle; sie
breche auf. Er ging mit.
     Am Kurfürstendamm winkte sie einem Taxi, nannte eine Adresse, stieg ein
und  nötigte ihn, neben ihr Platz  zu nehmen. "Aber ich habe  nur  noch zwei
Mark", erklärte er. "Das macht  fast gar nichts", gab  sie zur  Antwort, und
dem Chauffeur rief sie zu: "Licht aus!" Es wurde dunkel. Der Wagen ruckte an
und fuhr. Schon in der ersten Kurve fiel sie über ihn her und biß  ihn
in die  Unterlippe. Er schlug  mit der Schläfe gegen  das  Verdeckscharnier,
hielt sich den Kopf und sagte: "Aua! Das fängt gut an."
     "Sei  nicht  so empfindlich",  befahl  sie  und  überschüttete ihn  mit
Aufmerksamkeiten.
     Ihm kam der Überfall zu plötzlich. Und der Schädel tat ihm  weh. Fabian
war nicht bei der  Sache. "Ich wollte  eigentlich, bevor Sie  mich erwürgen,
noch einen Brief schreiben", röchelte er.
     Sie boxte ihn vors Schlüsselbein, lachte, ohne eine Miene zu verziehen,
die Tonleiter hinauf und herunter und  strangulierte weiter. Seine Bemühung,
sich der Frau zu erwehren, wurde zusehends falsch ausgelegt. Jede Wegbiegung
führte  zu neuen  Verwicklungen. Er beschwor das Schicksal, dem Auto weitere
Kurven zu ersparen. Das Schicksal hatte Ausgang.
     Als  der Wagen  endlich  hielt,  überpuderte die  Blonde  ihr  Gesicht,
bezahlte  die Fahrt und  äußerte  vor der Haustür: "Erstens  ist  dein
Gesicht voll roter Flecken, und zweitens trinkst du bei mir eine Tasse Tee."
     Er rieb  sich die Lippenpomade von  den  Backen und  sagte: "Ihr Antrag
ehrt mich, doch ich muß morgen zeitig im Büro sein."
     "Mach  mich  nicht wütend. Du bleibst bei mir.  Das Mädchen  wird  dich
wecken."
     "Aber ich werde nicht aufstehen. Nein, ich muß zu Hause schlafen.
Ich erwarte früh sieben Uhr  ein dringendes Telegramm. Das bringt die Wirtin
ms Zimmer und rüttelt mich, bis ich aufwache."
     "Wieso weißt du  schon jetzt, daß du ein Telegramm erhalten
wirst?"
     "Ich weiß sogar, was drinsteht."
     "Nämlich?"
     "Es  wird heißen:  "Scher dich  aus dem Bett. Dein treuer  Freund
Fabian." Fabian, das bin ich." Er blinzelte in das Laub der Bäume und freute
sich über den gelben Glanz der  Laternen.  Die Straße lag ganz  still.
Eine  Katze  lief geräuschlos ins Dunkel. Wenn er  jetzt die  grauen  Häuser
entlangspazieren könnte!
     "Die Geschichte mit dem Telegramm ist doch nicht wahr?"
     "Nein, aber das ist der pure Zufall", sagte er.
     "Wozu kommst  du in  den Klub,  wenn  dir  an den  Konsequenzen  nichts
liegt?" fragte sie ärgerlich und schloß die Tür auf.
     "Ich erfuhr die Adresse und bin sehr neugierig."
     "Also hopp!" sagte sie. "Der Neugier sind keine Schranken gesetzt." Die
Tür schloß sich hinter ihnen.


     ZWEITES KAPITEL

     Es gibt sehr aufdringliche Damen
     Ein Rechtsanwalt hat nichts dagegen
     Betteln verdirbt den Charakter

     Im Fahrstuhl war ein Wandspiegel.  Fabian zog das  Taschentuch und rieb
die  roten Flecken  aus  dem  Gesicht.  Die Krawatte  saß  schief. Die
Schläfe brannte. Und die blasse Blondine sah auf ihn  herunter. "Wissen Sie,
was eine Megäre  ist?" fragte er. Sie legte den Arm um ihn.  "Ich weiß
es, aber ich bin hübscher."
     Am Türschild stand: Moll. Das Dienstmädchen  öffnete.  "Bringen Sie uns
Tee." "Der Tee steht in Ihrem Zimmer."
     "Gut. Gehen Sie schlafen!" Das Mädchen verschwand im Korridor.
     Fabian folgte  der Frau. Sie  führte ihn  geradewegs  ins Schlafzimmer,
schenkte Tee ein, stellte Kognak und  Zigaretten zurecht und sagte mit einer
umfassenden Geste: "Bediene dich!"
     "Mein Gott, ein Tempo haben Sie am Leibe!"
     "Wo?" fragte sie.
     Er überhörte das. "Sie heißen Moll?"
     "Irene Moll sogar,  damit Leute mit Gymnasiumbildung  etwas  zu  lachen
haben. Setz dich. Ich komme gleich wieder."
     Er  hielt  sie zurück  und gab ihr  einen Kuß.  "Na,  es wird  ja
langsam", meinte sie und entfernte sich. Er trank einen Schluck Tee  und ein
Glas Kognak. Dann musterte er das  Zimmer.  Das Bett war  niedrig und breit.
Die Lampe gab indirektes Licht. Die Wände waren mit Spiegelglas bespannt. Er
trank noch  einen Kognak und trat ans  Fenster. Vergittert war es nicht. Was
hatte die Frau mit  ihm vor?  Fabian war  zweiunddreißig Jahre alt und
hatte sich  nachts fleißig umgetan,  auch dieser Abend  begann  ihn zu
reizen. Er trank den dritten Kognak und rieb sich die Hände.
     Er betrieb die  gemischten Gefühle seit langem aus Liebhaberei. Wer sie
untersuchen wollte, mußte sie haben.  Nur während man sie besaß,
konnte  man  sie  beobachten.  Man  war ein Chirurg,  der die  eigene  Seele
aufschnitt.
     "So, nun wird der kleine Junge geschlachtet", sagte die Blondine.
     Sie  trug  jetzt einen Schlafanzug aus schwarzen Spitzen. Er trat einen
Schritt zurück.  Sie aber rief  "Hurra!" und sprang ihm derart an den  Hals,
daß  er  die  Balance  verlor,  kippte  und  samt  der  Dame  auf  den
Fußboden zu sitzen kam.
     "Ist  sie nicht schrecklich?"  fragte  da  eine fremde  Stimme.  Fabian
blickte verwundert hoch. Im Türrahmen stand, mit einem Pyjama bekleidet, ein
dürrer, großnasiger Mensch und gähnte.
     "Was wollen Sie denn hier?" fragte Fabian.
     "Entschuldigen Sie,  mein Herr, aber ich konnte nicht wissen, daß
Sie mit meiner Frau bereits durchs Zimmer kriechen."
     "Mit Ihrer Frau?"
     Der Eindringling  nickte,  gähnte  verzweifelt und sagte  vorwurfsvoll:
"Irene,  wie konntest  du den Herrn in eine so schiefe Lage bringen! Wenn du
schon  wünschst, daß ich mir  deine Neuerwerbungen anschaue, kannst du
sie  mir wenigstens gesellschaftsfähig präsentieren. Auf  dem  Teppich!  Das
wird dem  Herrn sicher  nicht recht  sein! Und ich schlief  so schön, als du
mich  wecktest...  Ich  heiße  Moll, mein Herr, bin  Rechtsanwalt  und
außerdem",  er  gähnte  herzzerreißend, "und außerdem  der
Gatte dieser weiblichen Person, die sich auf Ihnen breitmacht."
     Fabian  schob  die Blondine  von sich herunter, stand  auf  und ordnete
seinen Scheitel.  "Hält sich  Ihre Gattin einen männlichen Harem? Mein  Name
ist  Fabian." Moll kam auf ihn zu und reichte ihm die Hand. "Es freut  mich,
einen so sympathischen jungen Mann kennenzulernen. Die  Umstände sind ebenso
gewöhnlich  wie  unge­wöhnlich. Das ist  Ansichtssache. Aber falls  Sie  der
Gedanke beruhigt: ich bin daran gewöhnt. Nehmen Sie Platz."
     Fabian setzte  sich. Irene Moll rutschte auf die Armlehne,  streichelte
ihn  und  sagte zu ihrem Mann: "Wenn er  dir nicht  gefällt,  brech ich  den
Kontrakt."
     "Aber er gefällt mir ja", antwortete der Rechtsanwalt.
     "Sie  reden über mich, als  wäre ich ein Stück Streuselkuchen  oder ein
Rodelschlitten", meinte Fabian.
     "Ein  Rodelschlitten  bist  du,  mein  Kleiner!"  rief  die   Frau  und
preßte seinen Kopf gegen ihre volle, schwarz vergitterte Brust.
     "Himmeldonnerwetter!" schrie er. "Lassen Sie mich gefälligst in Ruhe!"
     "Du darfst deinen Besuch nicht  ärgern, liebe  Irene",  erklärte  Moll.
"Ich  werde  mit  ihm  in  mein  Arbeitszimmer  gehen  und  ihm  dort  alles
Wissenswerte mitteilen. Du vergißt,  daß  er  die  Situation als
merkwürdig  empfinden  muß. Ich schicke  ihn dir  dann wieder herüber.
Gute Nacht."  Der Rechtsanwalt gab seiner Frau  die  Hand. Sie  stieg in ihr
niedriges  Bett,  stand betrübt und  einsam zwischen  den Kissen  und sagte:
"Gute Nacht, Moll, schlaf gut. Aber red ihn nicht tot. Ich brauch ihn noch."
     "Ja, ja", antwortete Moll und zog den Gast mit sich fort.
     Sie  nahmen im Arbeitszimmer Platz.  Der Rechtsanwalt zündete sich eine
Zigarette  an,  fröstelte,  legte  eine  Kamelhaardecke  über  die  Knie und
blätterte in einem Ak­tenbündel.
     "Mich geht zwar die Sache nichts an", begann Fabian, "aber was Sie sich
von der Frau bieten lassen, steigt auf Bäume. Werden Sie oft von ihr aus dem
Bett geholt, um die Liebhaber zu taxieren?"
     "Sehr  oft, mein Herr. Ursprünglich erwirkte ich mir diese Begutachtung
als verbrieftes Recht.  Nach  dem ersten Jahr unserer Ehe setzten  wir einen
Kontrakt auf, dessen Paragraph 4 lautet: "Die Vertragspartnerin verpflichtet
sich, jeden  Menschen, mit dem  sie in intime Beziehungen zu treten wünscht,
zuvor ihrem  Gatten,  Herrn  Doktor  Felix Moll, vorzuführen.  Spricht  sich
dieser  gegen  den  Betreffenden aus,  so ist Frau  Irene  Moll  angewiesen,
unverzüglich  auf  die  Ausführung  ihres  Vorhabens  zu  verzichten.  Jedes
Vergehen  gegen  den  Paragraphen  wird  mit  einer  hälftigen  Kürzung  der
finanziellen Monatszuwendung geahndet." Der Kontrakt  ist  sehr interessant.
Soll  ich ihn in extenso vorlesen?" Moll holte den Schreibtischschlüssel aus
der Tasche.
     "Bemühen  Sie  sich nicht!" Fabian  wehrte ab. "Wissen möchte ich  nur,
wieso  Sie  auf  den  Gedanken  verfielen, einen  solchen Kontrakt überhaupt
aufzusetzen."
     "Meine Frau träumte so schlecht."
     "Wie?"
     "Sie träumte. Sie  träumte  entsetzliche Dinge. Es war  offensichtlich,
daß ihre sexuellen Bedürfnisse proportional  der Ehedauer zunahmen und
Wunschträume   erzeugten,   von   deren  Inhalt   Sie,   mein   Herr,   sich
glücklicherweise  noch keine Vorstellung machen können. Ich zog mich zurück,
und  sie   bevölkerte  ihr  Schlafzimmer   mit  Chinesen,  Ringkämpfern  und
Tänzerinnen. Was blieb mir übrig? Wir schlössen einen Vertrag."
     "Meinen  Sie nicht,  daß eine andere Behandlung erfolgreicher und
geschmackvoller gewesen wäre?" fragte Fabian ungeduldig.
     "Zum Beispiel, mein Herr?" Der Rechtsanwalt setzte sich aufrecht.
     "Zum Beispiel:
     pro Abend fünfundzwanzig hintendrüber?"
     "Ich hab's versucht. Es tat mir zu weh."
     "Das kann ich gut verstehen."
     "Nein!" rief der Rechtsanwalt.  "Das können Sie nicht  verstehen! Irene
ist sehr kräftig, mein Herr."
     Moll  senkte  den  Kopf.  Fabian  zog  eine  weiße Nelke  aus der
Schreibtischvase,  steckte  die  Blume  ins  Knopfloch, erhob  sich, lief im
Zimmer umher und  rückte die  Bilder  gerade.  Vermutlich hatte es dem alten
langen Kerl auch noch Vergnügen gemacht,  von  seiner Frau übers Knie gelegt
zu werden.
     "Ich will gehen", sagte er. "Geben Sie mir den Hausschlüssel!"
     "Ist  das Ihr Ernst?" fragte Moll  ängstlich.  "Aber Irene erwartet Sie
doch. Bleiben Sie, um des Himmels willen! Sie wird außer sich geraten,
wenn sie sieht,  daß Sie gegangen sind! Sie wird denken, ich hätte Sie
weggeschickt.  Bleiben Sie bitte! Sie hat sich so darauf gefreut. Gönnen Sie
ihr doch das kleine Vergnügen!"
     Der Mann war aufgesprungen und packte den Besucher am Jackett. "Bleiben
Sie doch! Sie werden es  nicht  bereuen. Sie werden wiederkommen. Sie werden
unser Freund bleiben. Und ich werde Irene in guten Händen wissen. Tun  Sie's
mir zu Gefallen."
     "Vielleicht  wollen Sie  mir  auch noch  ein  sicheres  Monatseinkommen
garantieren?"
     "Darüber ließe sich reden, mein Herr. Ich bin nicht unvermögend."
     "Geben Sie mir den Hausschlüssel,  aber etwas plötzlich! Ich eigne mich
nicht für den Posten."
     Doktor  Moll  seufzte,  kramte  auf dem  Schreibtisch, gab Fabian einen
Schlüsselbund  und  sagte:  "Jammerschade,  Sie  waren  mir  von  Anfang  an
sympathisch. Behalten Sie die Schlüssel ein paar  Tage. Vielleicht überlegen
Sie sich's. Ich würde mich jedenfalls sehr freuen, Sie wiederzusehen."
     Fabian knurrte: "Gute Nacht", ging leise durch die Diele,  nahm Hut und
Mantel, öffnete die Tür, zog sie vorsichtig  hinter  sich zu und galoppierte
die Treppe hinunter. Auf der Straße holte er tief Atem  und schüttelte
den Kopf.  Da spazierten  die Menschen hier unten  vorüber und hatten  keine
Ahnung, wie  verrückt  es hinter den Mauern  zuging! Die  märchenhafte Gabe,
durch Mauern  und verhängte Fenster  zu blicken,  war eine Kleinigkeit gegen
die Leistung, das, was man dann sähe, zu ertragen.
     "Ich bin  sehr neugierig", hatte er der blonden Person erzählt, und nun
lief er auf und davon, statt  seine Neugier mit dem Ehepaar Moll zu füttern.
Dreißig  Mark war  er  losgeworden. Zwei  Mark  hatte er  noch in  der
Tasche. Aus dem Abendessen wurde nichts. Er pfiff  sich eins, ging kreuz und
quer durch düstere, unbekannte  Alleen und  geriet, aus  Versehen,  vor  den
Bahnhof Heerstraße.  Er  fuhr  bis  zum  Zoo,  dort  sprang  er m  die
Untergrundbahn,   stieg   am    Wittenbergplatz   um   und   kam   in    der
Spichernstraße  aus  der  Unterwelt  wieder herauf  unter  den  freien
Himmel.
     Er  ging in sein  Stammcafé. Nein, Doktor Labude sei nicht mehr  da. Er
habe bis elf Uhr gewartet. Fabian setzte sich, bestellte Kaffee und rauchte.
     Der  Wirt,  ein gewisser Kowalski,  erkundigte  sich  nach  dem  werten
Befinden. Heute abend sei übrigens  etwas sehr  Komisches passiert. Kowalski
lachte, daß die falschen Zähne  blitzten.  Der Kellner Nietenführ habe
es  zuerst beobachtet.  "Dort  drüben  am runden Tisch saß ein  junges
Paar.  Die beiden unterhielten sich  prächtig. Die Frau streichelte die Hand
des Mannes in einem fort. Sie lachte,  zündete ihm eine Zigarette an und war
von einer Liebenswürdigkeit, die nicht häufig ist."
     "Das ist doch nicht komisch."
     "Warten  Sie  ab, bester  Herr Fabian. Warten Sie nur  ab! Die  Frau  -
hübsch war  sie, das muß man ihr  lassen - poussierte gleichzeitig mit
einem Herrn vom Nebentisch.  Und  das in einer Weise! Nietenführ  holte mich
unauffällig   heran.   Der  Anblick   war   toll.  Der   Kerl   steckte  ihr
schließlich einen Zettel zu. Sie las, nickte, schrieb ihrerseits einen
Wisch  und  warf ihn  auf den Nebentisch. Währenddessen sprach sie aber auch
auf ihren Freund ein,  erzählte ihm  Geschichten, über die er sich  freute -
ich  habe schon sehr  tüchtige Frauen gesehen,  aber diese Simultanspielerin
übertraf alle."
     "Warum ließ er sich denn das gefallen?"
     "Einen Moment, bester Herr  Fabian. Die  Pointe kommt sofort! Also, wir
wunderten  uns  natürlich  auch,  warum  er  sich  das bieten ließ. Er
saß  zufrieden neben  ihr, lächelte  einfältig, legte den Arm  um ihre
Schultern,  und während­dessen  nickte sie  dem Mann vom Nebentisch zu.  Der
nickte zurück, machte Zeichen, und uns blieb die Spucke weg. Nietenführ ging
dann hinüber,  weil sie zahlen wollte." Herr  Kowalski steckte den  massigen
Kopf hoch und lachte himmelwärts. "Nun, woran lag's?"
     "Der Mann, mit dem  sie zusammensaß, war blind!"  Der Wirt machte
eine Verbeugung  und lief,  laut  lachend, davon.  Fabian  blickte  erstaunt
hinterher. Der Fortschritt der Menschheit war unverkennbar.
     An der Tür ging  es  lebhaft  zu. Nietenführ und der Hilfskellner waren
damit beschäftigt, einen schäbig gekleideten Mann hinauszudrängen.  "Scheren
Sie sich auf der  Stelle  fort.  Den  ganzen  Tag diese  Bettelei,  das  ist
ekelhaft",  sagte  Nietenführ  zischend.  Und  der Hilfskellner  zerrte  den
Menschen, der blaß war und kein Wort sprach, hin und her.
     Fabian sprang auf, lief zu der Gruppe und rief den Kellnern zu: "Lassen
Sie sofort den Herrn los!" Die zwei gehorchten widerstrebend.
     "Da sind Sie ja", meinte  Fabian und gab dem Bettler die Hand.  "Es tut
mir   außerordentlich   leid,   daß   man   Sie  gekränkt   hat.
Entschuldigen  Sie und kommen Sie an meinen  Tisch." Er führte den Mann, der
nicht wußte,  wie ihm  geschah, in seine  Ecke,  hieß ihn  Platz
nehmen und  fragte:  "Was möchten  Sie  essen?  Wollen  Sie  ein  Glas  Bier
trinken?"
     "Sie  sind  sehr freundlich", sagte der Bettler. "Aber  ich werde Ihnen
Ungelegenheiten machen."
     "Hier ist die Speisekarte. Suchen Sie sich, bitte, etwas aus."
     "Das   geht   nicht!   Man   wird   mich   vom   Tisch   wegholen   und
hinausschmeißen."
     "Das wird man nicht tun! Nehmen Sie sich zusammen!
     Bloß,  weil  Ihr Jackett  geflickt ist  und weil Ihnen  der Magen
knurrt, wagen Sie nicht, richtig auf dem Stuhl zu
     sitzen?  Sie  sind ja  selber mitschuldig,  daß man  Sie nirgends
durch die Tür läßt."
     "Wenn  man zwei Jahre arbeitslos ist, denkt man anders  darüber", sagte
der Mann. "Ich schlafe am Engelufer in der Herberge. Zehn Mark zahlt mir die
Fürsorge. Mein Magen ist krank vom vielen Kaviar."
     "Was sind Sie von Beruf?"
     "Bankangestellter,  wenn ich mich recht entsinne. Im Gefängnis war  ich
auch schon.  Gott, man  sieht sich eben um. Das  einzige, was ich noch nicht
erlebt habe,  ist der Selbstmord.  Aber das  läßt sich nachholen." Der
Mann saß  auf  der  Stuhlkante und  hielt die Hände zitternd  vor  den
Westenausschnitt,  um das dreckige  Hemd  zu  verbergen.  Fabian wußte
nicht, was er sagen  sollte. Er probierte,  im Kopf, viele Sätze. Keiner war
am  Platz. Er stand auf und sagte:  "Einen Augenblick, der Kellner  wünscht,
von einer Abordnung geholt zu werden." Er lief nach  dem Büfett, stellte den
Oberkellner zur Rede, faßte ihn am Arm und schleppte ihn durchs Lokal.
     Der Bettler war fort.
     "Ich zahle morgen!" rief Fabian, stürzte aus dem Café  und sah sich um.
Der Mann war verschwunden.

     "Wen suchen Sie  denn?" fragte jemand. Es war Münzer, Redakteur Münzer.
Er  knöpfte den Mantel  zu, brannte sich eine Zigarre an und sagte: "So  ein
Blödsinn.  Ich hätte  die  Partie glatt gewonnen.  Schmalnauer  hat wie  ein
Rhinozeros gespielt. Aber ich muß zum Nachtdienst. Das  deutsche  Volk
will  morgen  früh wissen, wieviel  Dachstuhlbrände stattfanden, während  es
schlief."
     "Sie sind doch ein politischer Redakteur", entgegnete Fabian.
     "Dachstuhlbrände  gibt's  auf  jedem  Gebiet",  sagte  Münzer.  "Gerade
nachts. Das muß an der Konstruktion liegen. Wissen Sie was, kommen Sie
mit! Sehen Sie sich mal unsern Zirkus an."
     Münzer stieg in seinen kleinen  Privatwagen. Fabian  setzte sich  neben
den Redakteur. "Seit wann haben Sie übrigens ein Auto?" fragte er.
     "Ich  hab es unserm  Handelsredakteur abgekauft. Dem wurde das Ding  zu
teuer",  erklärte Münzer. "Er  ärgert sich immer so schön,  wenn er mich  in
sein ehemaliges  Prachtstück  klettern sieht.  Das ist  der Spaß schon
wert. Wissen Sie,  daß Sie auf eigenes  Risiko mitfahren? Sollten  Sie
sich das Genick brechen, tun Sie's auf Ihre Rechnung."
     Dann fuhren sie los.


     DRITTES KAPITEL

     Vierzehn Tote in Kalkutta
     Es ist richtig, das Falsche zu tun
     Die Schnecken kriechen im Kreis

     Der  Korridor war leer.  In  der  Handelsredaktion  brannte  Licht,  es
saß  jemand im  Zimmer, die Tür stand offen. "Schade, daß  Malmy
schon im  Haus ist", sagte  Münzer verstimmt.  "Nun hat er  sein Auto wieder
nicht gesehen. Moment. Mal horchen, was sich in der Weltgeschichte tut."
     Er  riß  eine Tür auf,  Schreibmaschinen  klapperten, aus  den an
einer Zimmerwand aufgereihten Telefonkabinen drangen, wie aus der Ferne, die
Stimmen  der  Stenotypistinnen.  "Was Wichtiges?" schrie Münzer in  den Lärm
hinein.
     "Die Rede des Reichskanzlers", antwortete eine Frau.
     "Richtig", sagte der Redakteur. "Der Kerl schmeißt mir mit seiner
Quasselei die ganze erste Seite über den  Haufen. Liegt der Text vollständig
vor?"
     "Zelle  Zwei  nimmt das  zweite  Drittel auf!"  "Sofort m  die Maschine
damit,  dann zu  mir!"  kommandierte  Münzer, schlug die Tür  zu  und führte
Fabian in die Räume der politischen Redaktion.  Während sie ablegten, zeigte
er auf den Schreibtisch. "Schauen Sie  sich die  Bescherung an! Erdbeben aus
Papier!" Er wühlte  in dem  Haufen  neu eingegangener Meldungen, schnitt mit
einer  Schere, wie  ein  Zuschneider, einiges ab und legte es  beiseite. Den
Rest warf er in den Papierkorb. "Marsch, ins Körbchen", sagte er dabei. Dann
klingelte  er, bestellte bei einem  livrierten Boten eine Flasche Mosel  mit
zwei Gläsern und  gab  Geld.  Der  Bote  stieß in  der  Tür mit  einem
aufgeregten jungen  Mann  zusammen, der  herein wollte. "Der Chef  hat  eben
angerufen", erzählte der junge  Mann atemlos. "Ich muß im  Leitartikel
fünf  Zeilen streichen. Sie wären durch neue Nachrichten überholt. Ich komme
gerade aus der Setzerei und habe die fünf Zeilen herausnehmen lassen."
     "Sie  sind  ein Tausendsassa",  erklärte  Münzer.  "Ich mache  bekannt:
Doktor Irrgang, hat noch eine große Zukunft vor sich,  Irrgang ist der
Künstlername. Herr Fabian." Die beiden gaben einander die Hand.
     "Aber", sagte Herr Irrgang  betreten, "nun sind doch in der Spalte fünf
Zeilen frei."
     "Was tut man m einem so außergewöhnlichen Fall?" fragte Münzer.
     "Man  füllt die Spalte",  erklärte der  Volontär. Münzer nickte. "Steht
nichts im Satz?" Er  wühlte in  den  Bürstenabzügen. "Ausverkauft", erklärte
er. "Sauregurkenzeit."
     Dann prüfte er die  Meldungen, die er  eben beiseite gelegt  hatte, und
schüttelte den Kopf.
     "Vielleicht kommt noch etwas Brauchbares herein", schlug der junge Mann
vor.
     "Sie   hätten  Säulenheiliger  werden  sollen",  sagte  Münzer.   "Oder
Untersuchungsgefangener, oder sonst ein  Mensch mit viel Zeit. Wenn man eine
Notiz  braucht und  keine hat,  erfindet  man sie.  Passen  Sie mal auf!" Er
setzte sich  hin, schrieb rasch, ohne nachzudenken, ein paar  Zeilen und gab
das  Blatt dem jungen Mann.  "So,  nun fort, Sie Spaltenfüller. Wenn's nicht
reicht, ein Viertel Durchschuß."
     Herr  Irrgang las, was  Münzer  geschrieben  hatte,  sagte  ganz leise:
"Allmächtiger  Vater"  und  setzte  sich,  als  sei  ihm plötzlich  schlecht
geworden,  auf  die   Chaiselongue,   mitten  in   einen  knisternden   Berg
ausländischer Zeitungen.
     Fabian  bückte  sich  über  das  Blatt  Papier,  das  in  Irrgangs Hand
zitterte,  und  las:  "In   Kalkutta  fanden  Straßenkämpfe   zwischen
Mohammedanern  und Hindus statt. Es  gab, obwohl die  Polizei  der Situation
sehr bald  Herr  wurde, vierzehn Tote und zweiundzwanzig Verletzte. Die Ruhe
ist vollkommen wiederhergestellt." Ein alter Mann schlurfte m Pantoffeln ins
Zimmer   und   legte   mehrere   Schreibmaschinenblätter  vor  Münzer   hin.
"Kanzlerrede, Fortsetzung", murmelte er. "Den Schluß geben sie in zehn
Minuten durch." Dann schleppte er sich wieder davon. Münzer klebte die sechs
Blätter, aus denen die Rede vorläufig bestand,  aneinander, bis sie wie  ein
mittelalterliches Spruchband aussahen, dann begann er zu redi­gieren.  "Mach
hurtig, Jenny", sagte er mit einem Seitenblick auf Irrgang.
     "Aber  in  Kalkutta  haben  doch  gar  keine   Unruhen  stattgefunden",
entgegnete  Irrgang  widerstrebend.  Dann senkte  er  den  Kopf  und  meinte
fassungslos: "Vierzehn Tote."
     "Die  Unruhen  haben  nicht  stattgefunden?"  fragte  Münzer entrüstet.
"Wollen  Sie mir das  erst mal beweisen?  In  Kalkutta finden  immer Unruhen
statt. Sollen wir vielleicht mitteilen, im Stillen Ozean sei die Seeschlange
wieder aufgetaucht?  Merken Sie sich folgendes: Meldungen,  deren Unwahrheit
nicht  oder erst nach Wochen festgestellt  werden kann,  sind wahr. Und  nun
entfernen  Sie  sich  blitzartig,  sonst  lasse  ich  Sie  martern  und  der
Stadtausgabe beilegen." Der junge Mann ging.
     "Und  so  was  will  Journalist  werden",  stöhnte  Münzer  und  strich
aufseufzend und mit einem  Bleistift in der  Rede des Reichskanzlers  herum.
"Privatgelehrter für Tagesneuigkeiten, das wäre was für den Jüngling. Gibt's
aber leider nicht."
     "Sie bringen ohne  weiteres vierzehn Inder um und zweiundzwanzig andere
ins Städtische Krankenhaus von Kalkutta?" fragte Fabian.
     Münzer bearbeitete den Reichskanzler. "Was soll man machen?" fragte er.
"Im  übrigen,  wozu das  Mitleid  mit den Leuten?  Sie leben  ja  noch, alle
sechsunddreißig,  und sind kerngesund. Glauben Sie  mir, mein  Lieber,
was wir hinzudichten,  ist nicht so schlimm wie das, was wir weglassen." Und
dabei strich er wieder eine halbe Seite aus dem Text der Kanzlerrede heraus.
"Man beeinflußt  die  öffentliche  Meinung mit Meldungen wirksamer als
durch Artikel,  aber am  wirksamsten  dadurch, daß man weder  das eine
noch das andere bringt. Die bequemste öffentliche Meinung ist noch immer die
öffentliche Meinungslosigkeit."
     "Dann stellen Sie doch das Erscheinen des Blattes ein", meinte Fabian.
     "Und  wovon  sollen  wir leben?" fragte  Münzer.  "Außerdem,  was
sollen wir statt dessen tun?"
     Dann kam der livrierte Bote und brachte den Wein und die Gläser. Münzer
schenkte ein  und  hob sein Glas. "Die  vierzehn  toten Inder sollen leben!"
rief  er  und trank.  Dann  fiel  er  wieder über  den  Kanzler her.  "Einen
Stuß  redet unser  hehres  Staatsoberhaupt  wieder  einmal  zusammen!"
erklärte er. "Das ist geradezu ein Schulaufsatz über  das Thema: Das Wasser,
in  dem  Deutschlands  Zukunft  liegt,  ohne  unterzugehen. In  Untersekunda
kriegte er dafür die  Drei." Er drehte sich zu Fabian herum und fragte: "Und
wie überschreibt man den Scherzartikel?"
     "Ich  möchte  lieber  wissen, was Sie drunterschreiben",  sagte  Fabian
ärgerlich.
     Der andere trank wieder, bewegte  langsam den Wein im  Mund,  schluckte
hinter  und  antwortete: "Keine Silbe. Nicht ein  Wort. Wir haben Anweisung,
der Regierung  nicht  in den Rücken zu  fallen.  Wenn  wir dagegenschreiben,
schaden wir uns, wenn wir schweigen, nützen wir der Regierung."
     "Ich mache Ihnen einen Vorschlag", sagte Fabian. "Schreiben Sie dafür!"
     "O nein", rief Münzer. "Wir sind anständige Leute. Tag, Malmy."

     Im Türrahmen stand ein schlanker eleganter Herr und nickte ins Zimmer.
     "Sie  dürfen ihm  nichts  übelnehmen",  sagte der  Handelsredakteur  zu
Fabian.  "Er ist seit zwanzig Jahren  Journalist und glaubt bereits,  was er
lügt. Über  seinem Gewissen  liegen zehn  weiche Betten, und obenauf schläft
Herr  Münzer  den Schlaf  des  Ungerechten."  Der  alte Bote brachte  wieder
Schreibmaschinenblätter. Münzer griff nach einem  Leimtopf, vervollständigte
das   Spruchband   des   Reichskanzlers   und    redigierte   weiter.   "Sie
mißbilligen die Indolenz Ihres Kollegen?" fragte  Fabian Herrn  Malmy.
"Was tun Sie außerdem?"
     Der  Handelsredakteur lächelte, freilich  nur mit dem Mund.  "Ich  lüge
auch", erwiderte er. "Aber ich  weiß es. Ich weiß, daß das
System falsch ist. Bei uns in der Wirtschaft sieht das ein Blinder. Aber ich
diene dem falschen System mit Hingabe. Denn im Rahmen  des falschen Systems,
dem ich  mein bescheidenes Talent zur Verfügung stelle,  sind  die  falschen
Maßnahmen   naturgemäß   richtig    und   die   richtigen   sind
begreiflicherweise falsch. Ich bin ein Anhänger der eisernen Konsequenz, und
ich bin außerdem ..."
     "Ein  Zyniker", warf  Münzer  ein, ohne  aufzublicken.  Malmy  hob  die
Schultern. "Ich wollte  sagen, ein Feigling. Das trifft  noch genauer.  Mein
Charakter ist  meinem Verstand in keiner Weise  gewachsen.  Ich  bedaure das
aufrichtig, aber ich tue nichts mehr dagegen."
     Doktor  Irrgang, der  junge Mann, trat ein  und besprach mit Münzer  an
Hand der Postauflage, welche  Meldungen sie  aus dem Blatt werfen und welche
sie statt dessen in die Stadtausgabe übernehmen wollten. Es waren in der Tat
zwei Dachstuhlbrände passiert. In Genf waren außerdem einige  nebulose
Worte  gefallen,  die  der  deutschen   Minderheit  in  Polen  galten.   Den
ostelbischen   Großgrundbesitzern  waren  vom  Landwirtschaftsminister
Zollerhöhungen  in Aussicht  gestellt  worden. Die  Untersuchung  gegen  die
Direktoren  des  Städtischen  Beschaffungsamtes  hatte  eine  einschneidende
Wendung erfahren.
     "Und wie überschreiben wir die Rede des Reichskanzlers?" fragte Münzer.
"Los,  Herrschaften. Zehn Pfennige  für  eine gute  Schlagzeile.  Die  Sache
muß in Satz. Wenn die Matern zu  spät kommen, kriegen wir wieder Krach
mit dem Maschinenmeister."
     Der junge  Mann  dachte  so  angestrengt  nach,  daß  seine Stirn
schwitzte. "Der Kanzler fordert Vertrauen", schlug er vor.
     "Mäßig", urteilte Münzer.  "Nehmen  Sie sich ein  Wasserglas, und
trinken Sie erst einen Schluck Wein!"  Der junge Mann befolgte den Rat,  als
sei er ein Befehl. "Deutschland oder die Trägheit des Herzens", sagte Malmy.
     "Reden Sie keinen Unsinn!" rief  der politische Redakteur. Dann schrieb
er eine Zeile groß mit dem Bleistift über das Manuskript und erklärte:
"Der Groschen gehört mir." "Was haben Sie denn geschrieben?" fragte Fabian.
     Münzer   drückte  auf   den   Klingelknopf   und  erklärte  pathetisch:
"Optimismus ist Pflicht, sagt der Kanzler!" Der Bote  holte die Papiere. Der
Handelsredakteur griff in die Tasche  und legte wortlos ein Zehnpfennigstück
auf den Schreibtisch.
     Sein Kollege blickte verwundert hoch.
     "Ich  eröffne  hiermit  eine  Aktion,  die  umgehend  notwendig  wird",
behauptete Malmy.
     "Um welche Aktion handelt es sich?"
     "Darum,  Ihnen  Ihr  Schulgeld  zurückzuerstatten",  sagte  Malmy,  und
Irrgang,  der politische  Lehrling, lachte in Grenzen.  Dann  stürzte er ans
Telefon. Es hatte geläutet. "Ein Abonnent möchte etwas wissen", bekundete er
nach einiger Zeit und überdeckte das Sprachrohr mit der Hand. "Sie sitzen am
Stammtisch und haben  gewettet, ob  es die Tür oder die  Türe  heißt."
Münzer  nahm ihm  den  Hörer weg.  "Einen  Augenblick", sagte er. "Wir sagen
Ihnen sofort Bescheid,  mein Herr."  Dann winkte er Irrgang  und  flüsterte:
"Feuilleton."
     Der junge Mann rannte fort, kehrte zurück und zuckte die Achseln.
     "Ich erfahre soeben, daß es die Tür heißen muß. Bitte
schön. Guten  Abend." Münzer legte den  Hörer auf die  Gabel, schüttelte den
Kopf und steckte Malmys Groschen ein.
     Hinterher saßen sie in einer kleinen  Weinstube, die in der  Nähe
des  Zeitungsgebäudes gelegen war.  Münzer hatte sich von einem Setzer,  der
nach Hause ging, das Blatt bringen lassen, um zu prüfen, ob alles in Ordnung
sei. Er hatte sich über ein paar Druckfehler geärgert, über  die Schlagzeile
auf  der  ersten  Seite  hatte   er  sich   gefreut.  Dann  war  Strom,  der
Theaterkritiker, an den  Tisch  gekommen.  Nun  tranken  sie  fleißig.
Irrgang, der  junge  Mann, war  schon fast  hinüber.  Strom,  der  Kritiker,
verglich  einige  namhafte  Regisseure   mit  Schaufensterdekorateuren,  das
Theater der  Gegenwart erschien  ihm symptomatisch  für  den  Niedergang des
Kapitalismus, und als jemand einwarf, es gebe  keine  Dramatiker, behauptete
Strom, es gebe welche.
     "Ganz nüchtern sind Sie auch nicht mehr", bemerkte Münzer schwerzüngig,
und Strom lachte ohne Anlaß.

     Fabian ließ sich inzwischen,  nicht  ganz  freiwillig,  von Malmy
über kurzfristige Anleihen aufklären. "Erstens  werden Reich und  Wirtschaft
in wachsendem Maße überfremdet",  behauptete der  Redakteur. "Zweitens
genügt ein Riß, und die ganze Bude fällt  ein. Wenn  das  Geld  mal in
großen  Posten abgerufen  wird, sacken  wir alle  ab,  die Banken, die
Städte, die Konzerne, das Reich."
     "Aber im Blatt schreiben Sie nichts davon", sagte Irrgang.
     "Ich  helfe, das Verkehrte  konsequent zu  tun. Alles,  was gigantische
Formen  annimmt, kann  imponieren, auch  die Dummheit." Malmy  musterte  den
jungen Mann. "Gehen Sie mal rasch hinaus, bei Ihnen ist ein kleines Unwetter
im   Anzug."  Irrgang   legte   den  Kopf  auf   den   Tisch.   "Werden  Sie
Sportredakteur",  riet  Malmy. "Dieses  Ressort stellt an Ihr  zartes  Gemüt
nicht  so  große  Anforderungen." Der  Volontär stand  auf,  schwankte
durchs Gastzimmer der Hintertür zu und verschwand.
     Münzer  saß  auf dem Sofa  und  weinte  plötzlich.  "Ich bin  ein
Schwein", murmelte er.
     "Eine  ausgesprochen  russische  Atmosphäre",   stellte   Strom   fest.
"Alkohol, Selbstquälerei, Tränen  bei erwachsenen Männern." Er war ergriffen
und streichelte dem Politiker die Glatze.
     "Ich bin ein Schwein", murmelte der andere. Er blieb dabei.
     Malmy  lächelte Fabian  zu.  "Der  Staat  unterstützt  den  unrentablen
Großbesitz.  Der  Staat unterstützt die  Schwerindustrie.  Sie liefert
ihre Produkte zu Verlustpreisen ins Ausland, aber sie verkauft sie innerhalb
unserer  Grenzen über dem Niveau des Weltmarktes. Die Rohmaterialien sind zu
teuer; der Fabrikant drückt die Löhne;  der  Staat beschleunigt den  Schwund
der Massenkaufkraft durch Steuern, die er den Besitzenden nicht  aufzubürden
wagt; das  Kapital flieht ohnedies milliardenweise über die Grenzen. Ist das
etwa  nicht konsequent?  Hat der Wahnsinn etwa keine Methode? Da  läuft doch
jedem Feinschmecker das Wasser im Munde zusammen!"
     "Ich  bin ein Schwein", murmelte  Münzer und  fing  mit  vorgeschobener
Unterlippe die Tränen auf.
     "Sie überschätzen sich,  Verehrter", sagte der Handelsredakteur. Münzer
zog, während er weiter weinte, ein  gekränktes Gesicht. Er  war  entschieden
beleidigt,  daß  man ihn darin hindern wollte, das  zu sein, wofür  er
sich, wenn auch nur im betrunkenen Zustand, hielt.
     Malmy  fuhr mit  Vergnügen fort, die Situation zu  klären. "Die Technik
multipliziert die Produktion. Die  Technik  dezimiert das  Arbeitsheer.  Die
Kaufkraft  der   Massen  hat  die  galoppierende  Schwindsucht.  In  Amerika
verbrennt man  Getreide  und Kaffee,  weil  sie sonst zu  billig  würden. In
Frankreich jammern die Weinbauern, daß die Ernte zu gut gerät. Stellen
Sie sich das vor. Die  Menschen sind verzweifelt,  weil  der  Boden zu  viel
trägt! Zu viel Getreide, und andere haben nichts zu fressen! Wenn in so eine
Welt   kein    Blitz    fährt,   dann   können   sich    die    historischen
Witterungsverhältnisse  begraben lassen."  Malmy stand auf, wankte ein wenig
und schlug ans Glas. Die Umsitzenden sahen ihn an.
     "Meine Herrschaften", rief er, "ich will eine Rede halten.  Wer dagegen
ist, stehe auf."
     Münzer erhob sich mühsam.
     "Der stehe auf", rief Malmy, "und verlasse das Lokal."
     Münzer setzte sich wieder, Strom lachte.
     Nun begann Malmy seine Rede: "Wenn das, woran unser geschätzter Erdball
heute  leidet, einer Einzelperson zustößt, sagt man schlicht, sie habe
die  Paralyse.  Und  sicher  ist  Ihnen  allen   bekannt,  daß  dieser
äußerst unerfreuliche Zustand mitsamt seinen Folgen nur durch eine Kur
heilbar  ist, bei der es um  Leben und  Tod geht. Was tut  man  mit  unserem
Globus?  Man  behandelt ihn mit Kamillentee.  Alle  wissen, daß dieses
Getränk nur bekömmlich ist und nichts hilft. Aber es tut nicht weh. Abwarten
und   Tee   trinken,   denkt   man,  und   so   schreitet  die   öffentliche
Gehirnerweichung fort, daß es eine Freude ist."
     "Lassen  Sie  doch  diese  ekelhaften  medizinischen  Vergleiche!" rief
Strom. "Ich bin nicht fest auf dem Magen."
     "Lassen  wir  die medizinischen Vergleiche",  sagte  Malmy. "Wir werden
nicht  daran  zugrunde   gehen,  daß   einige  Zeitgenossen  besonders
niederträchtig sind, und nicht daran, daß einige  von diesen und jenen
mit einigen von denen identisch sind, die den Globus verwalten. Wir gehen an
der  seelischen  Bequemlichkeit  aller  Beteiligten  zugrunde.  Wir  wollen,
daß es sich ändert, aber wir  wollen nicht,  daß wir uns ändern.
"Wozu sind die anderen da?", denkt jeder  und  wiegt  sich im Schaukelstuhl.
Inzwischen schiebt man von dorther, wo viel Geld ist, dahin  Geld,  wo wenig
ist.  Die Schieberei und das Zinszahlen nehmen kein Ende,  und die Besserung
nimmt keinen Anfang."
     "Ich bin ein Schwein", murmelte Münzer, hob sein  Glas und hielt es vor
den Mund, ohne zu trinken. So blieb er sitzen.
     "Der  Blutkreislauf ist  vergiftet", rief Malmy. "Und wir  begnügen uns
damit, auf jede Stelle der Erdoberfläche, auf der  sich Entzündungen zeigen,
ein Pflaster  zu kleben. Kann man eine Blutvergiftung so heilen? Man kann es
nicht.  Der   Patient  geht   eines  Tages,  über  und  über  mit  Pflastern
bepflastert, kaputt!"
     Der Theaterkritiker  wischte sich  den Schweiß von der Stirn  und
sah den Redner bittend an.
     "Lassen Sie die medizinischen Vergleiche", sagte Malmy.
     "Wir  gehen  an der  Trägheit  unserer  Herzen  zugrunde. Ich  bin  ein
Wirtschaftler und  erkläre Ihnen:  Die  Gegenwartskrise  ohne eine vorherige
Erneuerung des Geistes ökonomisch lösen zu wollen, ist Quacksalberei!"
     "Es ist  der Geist, der  sich den Körper baut", behauptete  Münzer  und
warf sein Glas um.  Dann schluchzte er laut auf. Er bekam jetzt das heulende
Elend in  ganz  großem  Maßstab. Und  Malmy mußte, um  den
Kollegen zu übertönen, noch lauter sprechen. "Sie werden einwenden,  es gebe
ja zwei große Massenbewegungen. Diese Leute, ob  sie  nun  von  rechts
oder links anmarschieren, wollen die Blutvergiftung  heilen,  indem sie  dem
Patienten   mit  einem  Beil  den  Kopf   abschlagen.  Allerdings  wird  die
Blutvergiftung dabei aufhören zu existieren, aber auch der Patient, und  das
heißt, die Therapie zu weit treiben."
     Herr Strom  hatte von den Krankheitsbildern  endgültig genug und suchte
das Weite.
     Am Ecktisch stand mühsam ein  dicker Mann auf, versuchte dem Redner den
Kopf  zuzuwenden, aber  der Hals  war  zu  massiv,  und  so sagte  er m  die
verkehrte Richtung:  "Mediziner hätten Sie werden sollen."  Dann plumpste er
wieder auf  seinen Stuhl. Dort  packte ihn plötzlich die helle  Wut,  und er
brüllte: "Geld brauchen wir. Geld. Und wieder Geld!"
     Münzer nickte und flüsterte: "Montecuccoli war  auch ein Schwein." Dann
weinte er wieder weiter. Der Dicke vom Ecktisch konnte sich nicht beruhigen.
"Einfach  lächerlich",   knurrte  er.  "Geistige  Erneuerung,  Trägheit  des
Herzens,  einfach  lächerlich. Geld  her,  und wir sind gesund.  Das wäre ja
gelacht, wäre das ja!"
     Münzer schnarchte jetzt auf erlaubte  Weise, er schlief. Eine Frau, die
ihm gegenübersaß  und die genau so dick war wie  er,  fragte: "Aber wo
kriegen wir denn das Geld her, Arthur?"
     "Hab  ich dich  gefragt?"  schrie er,  schon  wieder aufgebracht.  Dann
beruhigte   er  sich  endgültig,  hielt  den  Kellner,  der  vorbeiging,  am
Rockschoß fest und sagte: "Noch ein Sülzkotelett, und Essig und Öl."
     Malmy zeigte zu dem Dicken  hinüber und meinte:  "Habe ich recht? Wegen
solcher Idioten soll man den Kopf hinhalten? Ich denke  nicht daran. Es wird
weitergelogen. Es ist richtig, das Falsche zu tun."
     Münzer  hatte sich's bequem gemacht, lag auf  dem  Sofa und  schnarchte
schon, obwohl er noch gar nicht schlief.
     "Und Ihr Auto habe  ich  doch",  grunzte er und  drehte die Pupillen zu
Malmy hinüber.
     Kurz darauf kamen Strom  und Irrgang zurück. Sie kamen Arm in Arm daher
und sahen  aus, als hätten sie die Gelbsucht. "Ich vertrage keinen Alkohol",
erläuterte Irrgang entschuldigend. Die zwei nahmen Platz.
     "Ein Kriegsprodukt",  sagte  Strom.  "Eine  bedauernswerte Generation."
Dieser Theaterkritiker konnte die selbstverständlichsten und  unstreitigsten
Dinge  äußern,  sobald er  es  war, der  sie  behauptete, wirkten  sie
unglaubwürdig  und reizten zum Widerspruch.  Hätte er, in seinem Pathos  von
der Stange,  erklärt,  zweimal zwei sei vier,  Fabian hätte plötzlich an der
Richtigkeit der  Rechnung  gezweifelt. Er  wandte sich von  dem  Mann ab und
betrachtete Malmy. Der saß  steil auf  dem Stuhl und war mit dem Blick
sonstwo,  dann gab er sich, weil er sich beobachtet  fühlte, einen Ruck, sah
Fabian  an  und   sagte:  "Man  sollte  sich  mehr  zusammennehmen.  Schnaps
zerfrißt den Maulkorb."
     Fabian  erhob  sich  und  gab den Journalisten die  Hand,  zuletzt  dem
Handelsredakteur.
     "Aber vielleicht haben Sie recht", meinte Malmy und lächelte traurig.
     "Ich  bin nicht mehr ganz nüchtern", sagte Fabian, als er vor  der  Tür
stand, zur Nacht. Er schätzte jenes frühe Stadium der Trunkenheit, das einen
glauben  machen  will,  man  spüre die Umdrehungen  der Erde. Die Bäume  und
Häuser stehen  noch ruhig an ihrem Platz, die Laternen treten noch nicht als
Zwillinge auf, aber die  Erde dreht sich, endlich  fühlt man es einmal! Doch
heute mißfiel  ihm auch das. Er ging neben seinem Schwips her und tat,
als kennten sie einander nicht. Was war das für eine  komische Kugel, ob sie
sich  nun  drehte oder nicht! Er mußte  an eine Zeichnung  von Daumier
denken,  die  "Der  Fortschritt"  hieß.  Daumier  hatte auf dem  Blatt
Schnecken dargestellt,  die hintereinander herkrochen, das war das Tempo der
menschlichen Entwicklung. Aber die Schnecken krochen  im Kreise! Und das war
das Schlimmste.


     VIERTES KAPITEL

     Eine Zigarette, groß wie der Kölner Dom
     Frau Hohlfeld ist neugierig
     Ein möblierter Herr liest Descartes

     Am nächsten  Morgen  kam Fabian müde ins Büro. Außerdem  hatte er
einen  Kater.  Fischer,  der  Kollege, begann die Arbeit damit, daß er
zunächst frühstückte.
     "Wo  nehmen Sie  bloß den permanenten Hunger her?" fragte Fabian.
"Sie  verdienen  weniger  als  ich. Sie  sind  verheiratet.  Sie  haben  ein
Sparkonto. Und dabei  essen Sie derart  viel, daß ich davon  mit  satt
werde."
     Fischer kaute hinter.  "Das hegt bei uns in der Familie", erklärte  er.
"Wir Fischers sind dafür berühmt."
     "Man sollte Ihrer Familie ein Denkmal bauen", sagte Fabian ergriffen.
     Fischer rutschte unruhig auf dem  Stuhl umher. "Bevor  ich's  vergesse,
Kunze  hat  eine Inseratensene  gezeichnet,  zu der  wir gereimte Zweizeiler
liefern sollen. Das liegt Ihnen sicher."
     "Ihr  Zutrauen  ehrt mich", sagte  Fabian, "aber ich habe  noch mit den
Schlagzeilen für die fotomontierten Plakate zu  tun. Dichten  Sie inzwischen
ruhig   drauflos.  Denn  was  nützt  Ihnen  und  Ihrer  werten  Familie  das
Frühstücken,  wenn   sich's  nicht  reimt?"  Er   sah  durchs  Fenster,  zur
Zigarettenfabrik  hinüber,  und gähnte. Der Himmel  war grau wie der Asphalt
auf  den  Radrennbahnen.  Fischer  ging auf  und ab,  gab  Falten  lebhaften
Unwillens zum besten und fing Reimwörter.
     Fabian  rollte ein  Plakat auf, befestigte es  mit Reißzwecken an
der Wand, stellte sich in die entlegenste  Zimmerecke und starrte das Plakat
an, das mit einer Fotografie des Kölner Domes und einer vom Plakathersteller
daneben errichteten,  dem Dom  an  Größe nichts nachgebenden Zigarette
bedeckt war. Er  notierte: "Nichts  geht über  ...  So  groß  ist  ...
Turmhoch  über  allen ... Völlig unerreichbar." Er tat seine Pflicht, obwohl
er nicht einsah, wozu.
     Fischer fand keinen Reim und keine Ruhe. Er fing eine Unterhaltung  an.
"Bertuch erzählt, es stünden wieder Kündigungen bevor."
     "Schon möglich", sagte Fabian.
     "Was fangen Sie an", fragte der andere,  "wenn man Sie hier vor die Tür
setzt?"
     "Denken Sie, ich habe mein Leben seit der Konfirmation damit verbracht,
gute Propaganda  für  schlechte Zigaretten zu machen?  Wenn ich hier fliege,
suche  ich mir einen neuen Beruf.  Auf  einen mehr oder weniger kommt es mir
nicht mehr an."
     "Erzählen Sie  mal  was von sich", bat  Fischer. "Während der Inflation
hab ich für eine Aktiengesellschaft Börsenpapiere verwaltet. Ich mußte
jeden  Tag  zweimal den Effektivwert der Papiere ausrechnen, damit die Leute
wußten, wie groß ihr Kapital war."
     "Und dann?"
     "Dann hab ich mir für etwas Valuta einen Grünwarenladen gekauft."
     "Warum gerade einen Grünwarenladen?"
     "Weil  wir  Hunger  hatten! Überm  Schaufenster stand:  Doktor  Fabians
Feinkosthandlung. Frühmorgens, wenn es noch  dunkel war, zogen wir mit einem
wackeligen Handwagen in die Markthalle."
     Fischer stand auf. "Wie? Doktor sind Sie auch?"
     "Ich machte die Prüfung  in dem gleichen Jahr, in dem ich beim Messeamt
als Adressenschreiber angestellt war."
     "Wie hieß denn Ihre Dissertation?"
     "Sie  hieß "Hat Heinrich von Kleist  gestottert?" Erst wollte ich
an   Hand   von   Stiluntersuchungen   nachweisen,   daß   Hans  Sachs
Plattfüße gehabt hat. Aber  die Vorarbeiten  dauerten zu lange. Genug,
dichten Sie lieber!" Er schwieg und ging vor dem  Plakat auf und ab. Fischer
schielte  neugierig  zu  ihm hin.  Doch  er wagte  nicht,  das  Gespräch  zu
erneuern.  Seufzend drehte  er.  sich  im Stuhl  herum  und  musterte  seine
Reimnotizen. Er beschloß, Brauchen auf Rauchen zu reimen, glättete das
Schreibpapier,  das vor ihm lag,  und kniff, der Inspiration vertrauend, die
Augen zu. Aber da klingelte das Telefon. Er hob ab und sagte: "Ja, ist hier.
Einen Augenblick, Doktor Fabian kommt sofort."
     Und zu Fabian meinte  er:  "Ihr Freund Labude."  Fabian nahm den Hörer.
"Tag, Labude, was gibt's?"
     "Seit wann betiteln dich die Zigarettenfritzen?" fragte der Freund.
     "Ich habe aus der Schule geplaudert."
     "Geschieht dir recht. Kannst du heute zu mir kommen?"
     "Ich komme."
     "In Wohnung Nummer zwei. Auf Wiedersehen."
     "Auf  Wiedersehen, Labude."  Er  hängte ab. Fischer hielt  ihn am Ärmel
fest.
     "Dieser  Herr  Labude  ist  doch  Ihr  Freund.  Warum  nennen  Sie  ihn
eigentlich nie beim Vornamen?"
     "Er hat keinen", meinte Fabian. "Die Eltern haben seinerzeit vergessen,
ihm einen zu geben."
     "Er hat überhaupt keinen Vornamen?"
     "Nein,  denken  Sie  an!  Er will sich  seit  Jahren nachträglich einen
beschaffen. Aber die Polizei erlaubt es nicht."
     "Sie veralbern mich ja", rief Fischer gekränkt.
     Fabian klopfte ihm anerkennend auf die Schulter  und sagte: "Sie merken
alles." Dann  widmete er sich von  neuem dem  Kölner  Dom,  schrieb ein paar
Schlagzeilen auf und brachte sie zu Direktor Breitkopf.
     "Sie   können   sich   mal  ein  kleines,   hübsches  Preisausschreiben
ausdenken", meinte der  Direktor. "Ihr Prospekt für  Detailhändler  hat  uns
ganz gut gefallen."
     Fabian verbeugte sich leicht.
     "Wir   brauchen   etwas   Neues",  fuhr   der   Direktor   fort.   "Ein
Preisausschreiben  oder  etwas   Ähnliches.  Es  darf  aber  nichts  kosten,
verstehen Sie? Der Aufsichtsrat  hat schon neulich geäußert, er  müsse
den Reklame-Etat möglicherweise um die Hälfte  reduzieren. Was  das für  Sie
bedeuten  würde, können Sie sich denken.  Ja?  Also,  junger  Freund, an die
Arbeit! Bringen Sie mir bald was Neues. Ich wiederhole aber: So  billig  wie
möglich, 'n Morgen."
     Fabian ging.
     Als er  sein Zimmer - achtzig Mark monatlich, Morgenkaffee Inbegriffen,
Licht extra  - am Spätnachmittag  betrat,  fand er  einen Brief  von  seiner
Mutter auf dem Tisch. Baden  konnte er nicht. Das  warme Wasser war kalt. Er
wusch  sich  nur, wechselte  die Wäsche,  zog den grauen  Anzug an, nahm den
Brief  seiner Mutter  und  setzte  sich  ans Fenster.  Der Straßenlärm
trommelte wie ein Regenguß an  die Scheiben. In der dritten Etage übte
jemand Klavier. Nebenan schrie der alte eingebildete Oberrechnungsrat  seine
Frau an. Fabian öffnete das Kuvert und las: "Mein lieber, guter Junge!
     Gleich  zu  Anfang und um Dich zu beruhigen, der Doktor hat gesagt,  es
ist  nichts Schlimmes. Es  wird wohl was mit den Drüsen sein. Und kommt  bei
älteren  Leuten öfter  vor. Mach  Dir also meinetwegen keine Sorgen. Ich war
erst  sehr  nervös. Aber nun wird es  schon  wieder  werden  mit  dem  alten
Lehmann. Gestern war ich  ein  bißchen im Palais-Garten.  Die  Schwäne
haben Junge. Im Parkcafé verlangen sie siebzig Pfennig für die Tasse Kaffee,
so eine Frechheit. Gott sei Dank, daß die Wäsche vorbei ist. Frau Hase
sagte im  letzten Augenblick  ab. Einen Bluterguß hat sie, glaub  ich.
Aber es ist mir gut  bekommen. Morgen früh  bringe ich  den Karton zur Post.
Hebe  ihn gut  auf  und schnür  ihn fester zu als das letzte Mal. Wie leicht
kann unterwegs was wegkommen. Die Mieze sitzt mir auf dem  Schoß,  sie
hat eben  ein Stück Gurgel gefressen, und  nun stößt sie  mich mit dem
Kopf  und  will  mich  nicht  schreiben  lassen. Wenn  Du  mir  wieder,  wie
vergangene Woche, Geld m den Brief  steckst, reiße  ich Dir die  Ohren
ab. Wir  reichen  schon, und Du brauchst Dein Geld selber. Macht es Dir denn
wirklich Spaß, für Zigaretten Reklame  zu machen? Die Drucksachen, die
Du schicktest, haben mir  gut gefallen.  Frau Thomas meinte, es ist doch ein
Jammer, daß Du solches Zeug schreibst. Aber  ich sagte, das  ist nicht
seine Schuld. Wer  heute nicht verhungern will, und wer will  das schon, der
kann  nicht warten, bis ihm der richtige Beruf durch den Schornstein  fällt.
Und dann  habe ich  noch gesagt, es  ist ja nur  ein Übergang. Der Vater hat
halbwegs zu  tun. Es scheint  aber was mit der Wirbelsäule zu sein. Er  geht
ganz krumm.  Tante Martha brachte gestern  ein Dutzend Eier aus  dem Garten.
Die Hühner  legen  fleißig.  Das ist eine gute Schwester. Wenn sie nur
nicht so viel Ärger mit dem Mann hätte.
     Mein  lieber Junge,  wenn  Du  doch  bald mal wieder  nach Hause kommen
könntest.  Ostern warst Du da. Wie die Zeit vergeht. Da hat man nun ein Kind
und hat eigentlich keins. Die  paar Tage im  Jahr,  wo  wir  uns  sehen.  Am
liebsten setzte ich mich gleich  auf die Eisenbahn und  käme hinüber. Früher
war  das  schön. Fast jeden  Abend vor dem  Schlafengehen  sehe ich  mir die
Bilder und die Ansichtskarten an. Weißt Du noch, wenn wir den Rucksack
nahmen und loszogen?  Einmal  kamen wir mit einem ganzen Pfennig  zurück. Da
muß ich gleich lachen, während ich dran denke.
     Na, auf  Wiedersehen, mein  gutes  Kind.  Vor Weihnachten wird es  wohl
nicht werden.  Gehst Du immer noch  so spät schlafen? Grüß Labude. Und
er soll auf Dich aufpassen. Was machen die Mädchen? Sieh Dich vor. Der Vater
läßt  grüßen.  Viele Grüße  und Küsse von Deiner  Mutter."
Fabian  steckte den  Brief ein und  blickte auf die  Straße  hinunter.
Warum  saß er hier in  diesem fremden gottverlassenen  Zimmer, bei der
Witwe Hohlfeld, die das  Ver­mieten  früher nicht nötig gehabt  hatte? Warum
saß er nicht zu Hause, bei  seiner Mutter? Was hatte er hier in dieser
Stadt, in  diesem verrückt  gewordenen  Steinbaukasten, zu suchen?  Blumigen
Unsinn schreiben,  damit  die Menschheit  noch  mehr Zigaretten rauchte  als
bisher? Den Untergang Europas konnte  er  auch dort  abwarten, wo er geboren
worden  war.  Das hatte  er davon,  daß er sich einbildete, der Globus
drehe  sich  nur,  solange  er ihm  zuschaue. Dieses  lächerliche Bedürfnis,
anwesend  zu sein! Andere hatten  einen Beruf, kamen  vorwärts,  heirateten,
ließen ihre Frauen  Kinder kriegen und glaubten, das gehöre zum Thema.
Und er mußte, noch  dazu freiwillig, hinterm  Zaun stehen, zusehen und
ratenweise verzweifeln. Europa  hatte große  Pause.  Die Lehrer  waren
fort. Der Stundenplan war verschwunden.  Der alte Kontinent  würde  das Ziel
der Klasse nicht erreichen. Das Ziel keiner Klasse!
     Da klopfte die Wirtin Hohlfeld, trat ins Zimmer und sagte: "Pardon, ich
dachte, Sie wären noch nicht da."  Sie kam näher. "Haben Sie  gestern  nacht
den  Krach  gehört,  den Herr  Tröger  veranstaltet  hat?  Er  hatte  wieder
Frauenzimmer mit  oben. Das Sofa sieht aus!  Ich werfe ihn hinaus, wenn  das
noch einmal vorkommt.  Was soll die neue Untermieterin denken, die im ändern
Zimmer wohnt?"
     "Wenn sie noch an den Storch glaubt, ist ihr nicht zu helfen."
     "Aber, Herr Fabian, meine Wohnung ist doch kein Absteigequartier!"
     "Gnädige Frau, es  ist  weithin  bekannt,  daß  sich,  von  einem
gewissen Alter ab, beim Menschen  Bedürfnisse regen, die im Widerspruch  zur
Moral der Vermieterinnen stehen."
     Die   Wirtin  wurde   ungeduldig.  "Aber   er  hatte  mindestens   zwei
Frauenzimmer bei sich!"
     "Herr  Tröger ist ein Wüstling, gnädige Frau. Das beste  wird sein, Sie
teilen ihm mit, er dürfe pro Nacht höchstens eine Dame mitbringen.  Und wenn
er  sich  nicht  danach  richtet,  lassen  wir  ihn  von  der  Sittenpolizei
kastrieren."
     "Man  geht mit  der Zeit", erklärte Frau  Hohlfeld nicht ohne Stolz und
rückte noch näher. "Die Sitten haben  sich geändert. Man paßt sich an.
Ich verstehe manches. Schließlich, ich bin ja auch noch nicht so alt."
     Sie stand knapp hinter ihm. Er sah sie nicht, aber vermutlich wogte ihr
unverstandener Busen. Das wurde von Tag zu Tag  schlimmer.  Fand  sich  denn
wirklich niemand für  sie?  Nachts  stand  sie vermutlich,  auf bloßen
Füßen,  vor  dem  Zimmer des  Stadtreisenden Tröger und  nahm,  durchs
Schlüsselloch, seinen Orgien Parade ab. Sie wurde langsam verrückt. Manchmal
blickte sie ihn an, als wolle sie ihm  die Hosen ausziehen. Früher war diese
Sorte  Damen fromm  geworden. Er stand auf und sagte: "Schade, daß Sie
keine Kinder haben."
     "Ich gehe schon." Frau Hohlfeld verließ entmutigt das Zimmer.
     Er sah auf die Uhr. Labude war noch in  der Bibliothek. Fabian trat zum
Tisch. Bücher und Broschüren lagen in Stapeln  darauf. Darüber, an der Wand,
hing eine Stickerei mit der Inschrift: "Nur ein Viertelstündchen." Er hatte,
als er einzog, den Spruch vom Sofa entfernt und über den Büchern angebracht.
Manchmal  las  er noch ein  paar Seiten in irgendeinem der Bücher. Geschadet
hatte es  fast  nie. Er  griff zu. Es war Descartes. "Betrachtungen über die
Grundlagen der Philosophie",  so  hieß  das  kleine Heft.  Sechs Jahre
waren  es her, seit er sich damit  befaßt hatte. Driesch hatte  in der
mündlichen Prüfung dergleichen wissen  wollen.  Sechs  Jahre  waren mitunter
eine  lange  Zeit.  Auf  der  anderen Straßenseite  hatte  ein  Schild
gehangen: "Chaim Pines, Ein- und Verkauf von Fellen". War  das alles, was er
von damals  wußte? Bevor  er vom Examinator aufgerufen wurde, war  er,
mit dem Zylinder eines anderen Kandidaten auf dem Kopfe, durch die Korridore
spaziert und  hatte den  Pedell  erschreckt.  Vogt,  der Kandidat, war  dann
durchgefallen und nach Amerika gegangen.
     Er setzte  sich  und  schlug das Heft  auf.  Was  hatte  Descartes  ihm
mitzuteilen? "Schon vor Jahren bemerkte ich, wieviel Falsches ich von Jugend
auf  als  wahr  hingenommen hatte, und wie  zweifelhaft alles  sei, was  ich
später darauf gründete. Darum war ich der Meinung, ich müsse einmal im Leben
von Grund auf alles umstürzen und ganz von vorn anfangen, wenn ich je irgend
etwas  Festes und Bleibendes aufstellen wolle. Dieses  schien  mir aber eine
ungeheure  Aufgabe   zu  sein,  und   so   wartete  ich  jenes   reife,  für
wissenschaftliche  Untersuchungen  angemessene Alter  ab.  Darum habe ich so
lange gezögert, daß ich jetzt eine Schuld  auf mich lüde, wenn ich die
Zeit, die mir zu  handeln noch übrig ist, mit Zaudern verbringen wollte. Das
trifft sich nun sehr günstig.  Mein Geist ist von allen Sorgen frei, und ich
habe  mir  eine  ruhige  Muße  verschafft. So  ziehe  ich mich in  die
Einsamkeit zurück  und will  ernst und frei diesen allgemeinen Umsturz aller
meiner Meinungen unternehmen."
     Fabian blickte auf die Straße hinunter,  sah den Autobussen nach,
die, wie  Elefanten auf Rollschuhen,  die Kaiser­allee entlang  fuhren,  und
schloß vorübergehend  die Augen. Dann  blätterte er  und  überflog die
Einleitung. Fünfundvierzig Jahre  war  Descartes alt gewesen, als  er  seine
Revolution  ankündigte.  Am  Dreißigjährigen  Krieg hatte er  sich ein
bißchen beteiligt. Ein kleiner Kerl,  mit immensem Schädel. "Von allen
Sorgen frei." Revolution  in  der Einsamkeit. In  Holland. Tulpenbeete  vorm
Haus. Fabian lachte,  legte den Philosophen  beiseite und zog den Mantel an.
Im  Korridor  begegnete  er  Herrn  Tröger,  dem Reisenden  mit dem  starken
Frauenverbrauch. Sie zogen die Hüte.

     Labudes zweite  Wohnung  lag  im  Zentrum.  Wenige wußten  davon.
Hierhin zog er sich zurück, wenn  ihm der  Westen, die noble Verwandtschaft,
die  Damen der guten Gesellschaft und das Telefon auf die Nerven gingen. Und
hier hing er seinen wissenschaftlichen und sozialen Neigungen nach.
     "Wo hast du denn in der vorigen Woche gesteckt?" fragte Fabian.
     "Danke, gut",  sagte  Labude  und trank  den Kognak, der vor ihm stand.
"Ich war in Hamburg. Leda läßt grüßen."
     "Und wie befindet sich das Fräulein Braut?"
     "Davon später."
     "Was vom Geheimrat gehört? Hat er deine Arbeit gelesen?"
     "Nein.   Er   hatte   keine   Zeit,   sondern  Promotionen,  Prüfungen,
Vorlesungen, Seminare und Senatssitzungen. Bis er meine Habilitationsschrift
gelesen  hat, habe ich einen kniefreien Vollbart." Labude schenkte sich  ein
und  trank. "Sei  nicht nervös. Die  Kerle werden sich  wundern,  wie du aus
Lessings  Gesammelten  Werken das  Gehirn  und die  Denkvorgänge  des Mannes
rekonstruiert hast,  den  sie, bis du  kamst,  als  den Logos  mit  Freilauf
dargestellt und noch nie verstanden haben."
     "Ich fürchte, sie werden sich zu sehr wundern. Die geweihte Logik eines
toten  Schriftstellers  psychologisch  auswerten,  Denkfehler entdecken  und
individuell und als  sinnvolle Vorgänge  behandeln,  den Typus  des zwischen
zwei   Zeitaltern   schwankenden   genialen   Menschen   an   einem   längst
verkaufsfertigen Klassiker demonstrieren, das sind Dinge, die sie nur ärgern
werden. Warten wir ab. Lassen wir den ollen Sachsen in Ruhe. Fünf Jahre habe
ich diesen  Kerl seziert, auseinandergenommen und zusammengesetzt! Auch eine
Beschäftigung für einen erwachse­nen Menschen,  im  achtzehnten  Jahrhundert
wie im Müllkasten herumzufingern! Hol dir ein Glas!"
     Fabian nahm ein Likörglas aus dem Schrank und schenkte sich ein. Labude
blickte  vor sich  hin.  "Heute  morgen  war  ich  dabei,  wie  sie  in  der
Staatsbibliothek  einen Professor  festnahmen. Einen  Sinologen. Er hat seit
einem Jahr seltene Drucke und Bilder der Bibliothek  gestohlen und verkauft.
Er wurde blaß  wie eine Wand,  als man ihn verhaftete, und setzte sich
erst mal  auf die  Treppe. Man fütterte ihn mit kaltem Wasser. Dann wurde er
abtransportiert."
     "Der Mann  hat den Beruf verfehlt", sagte Fabian.  "Wozu lernt er  erst
Chinesisch, wenn  er zum  Schluß vom Stehlen  lebt? Es steht  schlimm.
Jetzt räubern schon die Philologen."
     "Trink aus und komm!" rief Labude.
     Sie  gingen  an  der Markthalle vorbei, durch tausend scheußliche
Gerüche hindurch, zur Autobushaltestelle.
     "Wir fahren zu Haupt", sagte Labude.


     FÜNFTES KAPITEL

     Ein ernstes Gespräch am Tanzparkett
     Fräulein Paula ist insgeheim rasiert
     Frau Moll wirft mit Gläsern

     In Haupts  Sälen  war, wie an  jedem Abend,  Strandfest. Punkt zehn Uhr
stiegen, im Gänsemarsch,  zwei  Dutzend  Straßenmädchen von der Empore
herunter.  Sie trugen  bunte Badetrikots, gerollte Wadenstrümpfe  und Schuhe
mit hohen Absätzen. Wer sich derartig auszog, hatte freien Zutritt zum Lokal
und erhielt einen Schnaps  gratis. Diese Vergünstigungen waren in Anbetracht
des daniederliegenden  Gewerbes  nicht zu  verachten.  Die  Mädchen  tanzten
anfangs miteinander, damit die Männer etwas zu sehen hatten.
     Das von Musik  begleitete Rundpanorama weiblicher  Fülle erregte die an
der   Barriere  drängenden   Kommis,   Buchhalter   und  Einzelhändler.  Der
Tanzmeister  schrie, man möge sich  auf die Damen stürzen, und  das geschah.
Die dicksten  und  frechsten Frauenzimmer wurden  bevorzugt. Die Weinnischen
waren schnell besetzt. Die Barfräuleins hantierten mit  dem Lippenstift. Die
Orgie  konnte  beginnen. Labude und  Fabian saßen  an  der Rampe.  Sie
liebten dieses Lokal,  weil sie nicht hierher  gehörten.  Das  Nummernschild
ihres  Tischtelefons  glühte  ohne  Unterbrechung. Der  Apparat surrte.  Man
wollte sie sprechen. Labude hob den Hörer aus der Gabel  und legte ihn unter
den Tisch. Sie hatten wieder Ruhe. Denn der Lärm, der übrigblieb, die Musik,
das Gelächter und  der Gesang waren nicht  persönlich  gemeint  und  konnten
ihnen nichts anhaben.
     Fabian berichtete von der Nachtredaktion, von der Zigarettenfabrik, von
der verfressenen  Familie  Fischer und  vom Kölner Dom.  Labude  blickte den
Freund an und sagte: "Du müßtest endlich vorwärtskommen."
     "Ich kann doch nichts."
     "Du kannst vieles."
     "Das ist  dasselbe",  meinte Fabian. "Ich kann  vieles und will nichts.
Wozu soll  ich vorwärtskommen? Wofür und wogegen? Nehmen wir einmal an,  ich
sei der  Träger einer Funktion. Wo ist das System,  in dem ich funktionieren
kann? Es ist nicht da, und nichts hat Sinn."
     "Doch, man verdient beispielsweise Geld."
     "Ich  bin  kein   Kapitalist."   "Eben  deshalb."   Labude  lachte  ein
bißchen.
     "Wenn ich sage, ich bin kein  Kapitalist, dann meine ich: ich habe kein
pekuniäres  Organ.  Wozu soll ich Geld verdienen? Was soll ich mit dem  Geld
anfangen? Um  satt zu werden,  muß man  nicht  vorwärtskommen.  Ob ich
Adressen schreibe, Plakate bedichte oder mit Rotkohl handle, ist mir und ist
überhaupt  gleichgültig. Sind  das Aufgaben für einen erwachsenen  Menschen?
Rotkohl en  gros oder  en detail,  wo steckt der Unterschied?  Ich  bin kein
Kapitalist,  wiederhole ich dir! Ich  will  keine Zinsen,  ich  will  keinen
Mehrwert."
     Labude schüttelte den Kopf. "Das ist Indolenz. Wer Geld verdient und es
nicht liebt, kann es gegen Macht eintauschen."
     "Was  fang ich mit der Macht  an?" fragte  Fabian. "Ich  weiß, du
suchst sie. Aber  was  fange  ich  mit der Macht an, da ich nicht mächtig zu
sein wünsche? Machthunger  und Geldgier  sind Geschwister, aber mit mir sind
sie nicht verwandt."
     "Man kann  die Macht im Interesse  anderer  verwenden." "Wer  tut  das?
Dieser wendet  sie für sich an,  jener für seine Familie, der eine für seine
Steuerklasse, der andere für diejenigen, die blonde Haare haben, der  fünfte
für  solche,  die über zwei  Meter  groß sind,  der sechste,  um  eine
mathematische Formel an der  Menschheit  auszuprobieren. Ich pfeif auf  Geld
und  Macht!"  Fabian  hieb mit  der Faust auf  die  Brüstung,  aber sie  war
gepolstert und plüschüberzogen. Der Faustschlag blieb stumm.
     "Wenn  es eine  Gärtnerei gäbe, wie  ich sie mir  erträume! Ich brächte
dich, an  Händen  und Füßen  gefesselt, hin  und  ließe  dir ein
Lebensziel einpflanzen!" Labude war  ernstlich bekümmert  und legte die Hand
auf den Arm des Freundes.
     "Ich sehe zu. Ist das nichts?"
     "Wem ist damit geholfen?"
     "Wem ist zu helfen?"  fragte Fabian. "Du willst Macht haben. Du willst,
träumst  du,  das Kleinbürgertum sammeln  und führen. Du willst  das Kapital
kontrollieren  und  das  Proletariat einbürgern. Und dann willst du  helfen,
einen Kulturstaat aufzubauen, der dem Paradies verteufelt ähnlich sieht. Und
ich sage dir: Noch in deinem Paradies  werden sie sich die Fresse vollhauen!
Davon abgesehen, daß es nie zustande kommen wird... Ich weiß ein
Ziel, aber es  ist leider keines.  Ich möchte helfen, die Menschen anständig
und vernünftig zu machen. Vorläufig bin ich  damit beschäftigt, sie auf ihre
diesbezügliche Eignung hin anzuschauen."
     Labude hob sein  Glas und  rief: "Viel Vergnügen!" Er  trank, setzte ab
und sagte:  "Erst muß man das System vernünftig gestalten, dann werden
sich die Menschen anpassen."
     Fabian trank und schwieg.
     Labude  fuhr erregt  fort:  "Das siehst du  ein,  nicht wahr? Natürlich
siehst  du  das  ein. Aber du phantasierst  lieber von  einem unerreichbaren
vollkommenen  Ziel  anstatt  einem  unvollkommenen  zuzustreben,   das  sich
verwirklichen läßt.  Es ist dir bequemer so.  Du  hast keinen Ehrgeiz,
das ist das Schlimme."
     "Ein Glück ist das. Stell dir vor, unsere  fünf Millionen  Arbeitslosen
begnügten sich nicht mit dem Anspruch auf  Unterstützung. Stell dir vor, sie
wären ehrgeizig!"
     Da  lehnten sich  zwei Trikotengel über die Brüstung. Die eine Frau war
dick und blond, und ihre Brust lag auf dem Plüsch, als sei sie serviert. Die
andere  Person  war mager, und ihr Gesicht  sah aus,  als  hätte sie  krumme
Beine. "Schenkt  uns  'ne  Zigarette",  sagte die Blonde. Fabian  hielt  die
Schachtel hin,  Labude gab Feuer. Die  Frauen rauchten,  blickten die jungen
Männer  abwartend  an,  und  die  Magere konstatierte nach  einer  Pause mit
verrosteter Stimme: "Na ja, so ist das."
     "Wer spendiert 'nen Schnaps?" fragte die Dicke.
     Sie  gingen zu viert der Theke zu. Rebenlaub und gewaltige Weintrauben,
alles aus Pappe, umsäumten den Pfad. Sie setzten sich in eine Ecke. Die Wand
war  mit  der Pfalz  bei  Caub  bemalt. Fabian  dachte  an  Blücher,  Labude
bestellte  Likör. Die Frauen  flüsterten miteinander.  Vermutlich verteilten
sie die zwei Kavaliere. Denn unmittelbar danach schleuderte die dicke Blonde
den Arm um Fabian, legte eine Hand auf sein Bein und tat  wie zu  Hause. Die
Magere  trank  ihr  Glas auf einen Zug leer,  zupfte Labude an der Nase  und
kicherte   blöde.  "Oben  sind  Nischen",  sagte  sie,  strich  die   blauen
Trikothosen von  den  Schenkeln zurück und zwinkerte. "Woher  haben  Sie  so
rauhe Hände?"  fragte  Labude.  Sie drohte mit  dem  Finger. "Nicht,  was du
denkst", rief sie und verschluckte sich vor Schelmerei.
     "Paula  hat  früher  in einer  Konservenfabrik gearbeitet",  sagte  die
Blonde, nahm Fabians Hand und fuhr sich mit dieser so lange über die Brüste,
bis die Brustwarzen groß und fest  wurden. "Gehen wir dann ins Hotel?"
fragte sie.
     "Ich  bin  überall  rasiert",  erläuterte  die  Magere  und  war  nicht
abgeneigt,  den  Nachweis zu erbringen.  Labude  hielt  sie  mühsam  von dem
äußersten zurück.
     "Man schläft nachher  besser", sagte die Blondine zu Fabian und  reckte
die fetten Beine.
     Lottchen  von  der  Theke  füllte die Gläser. Die  Frauen  tranken, als
hätten sie acht Tage  nichts gegessen. Die Musik  drang gedämpft herüber. An
der  Bar saß ein riesenhafter Kerl und gurgelte mit Kirschwasser.  Der
Scheitel reichte ihm  bis  ins Rückgrat.  Hinter der Pfalz bei  Caub brannte
eine elektrische Birne und besonnte den Rhein, wenn auch nur von hinten.
     "Oben sind  Nischen", sagte die  Magere wieder, und  man stieg  hinauf.
Labude bestellte kalten Aufschnitt. Als der Teller mit Fleisch und Wurst vor
den  Mädchen  stand,  vergaßen  sie alles übrige und kauten  drauflos.
Unten im Saal wurde  die  schönste  Figur prämiiert. Die Frauen drehten sich
mit  ihren knappen  Badeanzügen im Kreis, spreizten  die Arme und Finger und
lächelten verführerisch. Die Männer standen wie auf dem Viehmarkt.
     "Der  erste Preis  ist  eine  große  Bonbonniere",  erklärte  die
kauende  Paula,  "und  wer  sie  gekriegt  hat,  muß   sie  dann  beim
Geschäftsführer wieder abliefern."
     "Ich esse lieber, außerdem findet man meine Beine immer zu dick",
sagte die Blondine. "Dabei sind dicke  Beine das beste, was es gibt. Ich war
einmal  mit einem russischen Fürsten zusammen,  der schreibt mir  noch jetzt
Ansichtskarten."
     "Quatsch!" knurrte Paula.  "Jeder Mann will was anderes. Ich habe einen
Herrn  gekannt,  einen Ingenieur,  der  liebte  Lungenkranke. Und  Viktorias
Freund hat  einen Buckel, und sie sagt,  sie braucht  das zum Leben. Da mach
was dagegen. Ich finde, Hauptsache, man versteht seinen Kram."
     "Gelernt ist  gelernt",  behauptete die Dicke und  angelte  das  letzte
Stück Schinken von der Platte. Unten im Saal wurde gerade die schönste Figur
ausgerufen. Die Kapelle spielte einen Tusch. Der Geschäftsführer überreichte
der   Siegerin  eine  große  Bonbonniere.  Sie  dankte  ihm  beglückt,
verneigte sich vor den  klatschenden und johlenden Gästen und zog mit  ihrem
Geschenk davon, wahrscheinlich trug sie's ins Büro zurück.
     "Warum arbeiten  Sie eigentlich  nicht  mehr in Ihrer Konservenfabrik?"
fragte Labude, und seine Frage klang recht vorwurfsvoll.
     Paula  schob den leeren Teller zurück,  strich sich über  den Magen und
erzählte:  "Erstens war  es gar  nicht  meine Fabrik, und zweitens wurde ich
abgebaut. Glücklicherweise  wußte ich was über den  Direktor. Er hatte
ein  vierzehnjähriges  Mädchen  verführt. Verführt ist übertrieben.  Aber er
glaubte den  Zimt. Und dann  rief  ich ihn  alle vierzehn Tage an, ich müsse
fünfzig  Mark haben, oder ich würde die Sache rumreden. Am nächsten Tag ging
ich dann jedesmal zur Kasse und holte das Geld ab." "Das ist ja Erpressung!"
rief Labude.
     "Der Rechtsanwalt, den mir der Direktor auf den Hals schickte, fand das
auch. Ich mußte einen Wisch  unterschreiben, bekam hundert  Mark,  und
aus war's mit der Lebensrente. Na ja, nun bin ich hier und lebe vom Bauch in
den Mund."
     "Es  ist  furchtbar", sagte Labude  zu Fabian, "es ist schrecklich, wie
viele Direktoren das Angestelltenverhältnis mißbrauchen."
     Die Dicke rief: "Ach Mensch, was redest  du da. Wenn ich ein Mann wäre,
und  ein  Fabrikdirektor  dazu, ich hätte dauernd Angestelltenverhältnisse."
Dann fuhr sie Fabian in  die Haare, versetzte ihm  einen  Kuß, ergriff
seine Hand  und legte sie  platt auf ihren satten Magen.  Labude  und  Paula
tanzten miteinander. Sie hatte tatsächlich krumme Beine.
     In der Nachbarnische sang eine Frau laut mit betrunkener Stimme:

     "Die Liebe ist ein Zeitvertreib.
     Man nimmt dazu den Unterleib."

     Die Dicke  sagte: "Die nebenan  ist  'ne  Marke. Sie gehört  gar  nicht
hierher,  kommt in  teuren Pelzmänteln an, aber darunter  trägt sie was ganz
Durchsichtiges.  Es  soll  eine  reiche  Frau  aus dem  Westen  sein,  sogar
verheiratet. Sie holt sich junge Kerle in die Nische,  bezahlt für  sie  und
gibt an, daß die Wände rot werden." Fabian erhob sich und blickte über
die halbhohe Zwischenwand hinweg nebenan.
     Dort  saß  in  einem  grünseidenen   Badeanzug  eine  große
gutgewachsene  Frau  und  war, unter  Absingung von  Liedern,  dabei,  einen
Reichswehrsoldaten, der sich verzweifelt wehrte,  auszuziehen. "Kerl!"  rief
sie. "Mach nicht so einen schlappen Eindruck! Los!  Zeig  den Ausweis!" Aber
der brave  Infanterist stieß  sie zurück.  Fabian fiel  jene  bekannte
ägyptische  Ministergattin  ein, die den armen  Josef, den begabten  Urenkel
Abrahams, so schamlos belästigt hatte.  Da  stand die Grüne  auf, packte ein
Sektglas und taumelte zur Brüstung.
     Es  war nicht Frau Potiphar, sondern Frau Moll. Jene Irene  Moll, deren
Schlüssel er im Mantel hatte. Schwankend  stand  sie  an der Balustrade, hob
das spitze Glas hoch und warf es in den Saal hinunter. Es zersprang  auf dem
Parkett.  Die  Musiker  setzten  die  Instrumente  ab.  Die Tanzpaare  hoben
erschrocken die Köpfe. Alle blickten zu der Nische herauf.
     Frau Moll streckte die Hand aus und rief: "Männer  nennt sich das! Wenn
man sie anpackt, gehen sie aus dem  Leim!  Meine sehr verehrten  Damen,  ich
schlage  vor,  die  Bande  einzusperren. Meine  sehr  verehrten  Damen,  wir
brauchen Männerbordelle! Wer dafür ist, der  hebe die Hand!" Sie schlug sich
emphatisch  vor  die Brust  und bekam davon  den  Schlucken.  Im Saal  wurde
gelacht.  Der Geschäftsführer war  schon  unterwegs. Irene  Moll fing an  zu
weinen. Das Schwarz der getuschten Wimpern verflüssigte sich, und die Tränen
liniierten ihr Gesicht. "Laßt uns  singen!" schrie sie schluchzend und
schluckend. "Wir singen  das  schöne  Lied vom  Klavierspiel!"  Sie breitete
beide Arme aus und brüllte:

     "Auch der Mensch ist nur ein Tier,
     Immer, und erst recht zu zweit,
     Komm und spiel auf mir Klavier!
     Komm und spieleee auf mir
     Die Schule der Geläufigkeit.
     Dazu bin ich ja..."

     Der  Geschäftsführer  hielt ihr den Mund  zu, sie mißverstand die
Bewegung und fiel ihm um  den Hals.  Dabei sah sie den zu ihr  hinblickenden
Fabian, riß sich los und schrie: "Dich kenne ich doch!" und  wollte zu
ihm.  Aber der  Reichswehrsoldat, der sich inzwischen erholt hatte, und  der
Geschäftsführer packten  sie und drückten sie auf einen Stuhl. Im Saal wurde
wieder  musiziert und getanzt. Labude  hatte  während der Szene bezahlt, gab
Paula und der Dicken etwas Geld, faßte Fabian unter und zog ihn fort.
     In  der  Garderobe  fragte er:  "Sie kennt dich wirklich?"  "Ja", sagte
Fabian,  "sie  heißt Moll, ihr  Mann  ist Rechtsanwalt und zahlt  jede
Summe, wenn man mit ihr schläft. Die Schlüssel dieser komischen Familie habe
ich noch in der Tasche. Hier sind sie."
     Labude  nahm die  Schlüssel  weg, rief: "Ich komme gleich wieder!"  und
lief in Hut und Mantel zurück.


     SECHSTES KAPITEL

     Der Zweikampf am Märkischen Museum
     Wann findet der nächste Krieg statt?
     Ein Arzt versteht sich auf Diagnose

     Als sie auf der Straße standen, fragte Labude ärgerlich: "Hast du
mit dieser Verrückten etwas gehabt?"
     "Nein,  ich  war  nur in  ihrem  Schlafzimmer, und  sie zog  sich  aus.
Plötzlich kam noch ein Mann hinzu,  behauptete, mit ihr verehelicht zu sein,
ich  solle  mich  aber  nicht  stören  lassen.  Dann  deklamierte  er  einen
ungewöhnlichen Kontrakt, den die beiden geschlossen haben. Dann ging ich."
     "Warum nahmst du die Schlüssel mit?"
     "Weil die Haustür verschlossen war."
     "Ein schauderhaftes  Weib", sagte  Labude.  "Sie  hing  besoffen  überm
Tisch, und ich steckte ihr die Schlüssel schnell in die Handtasche."
     "Sie  hat  dir  nicht  gefallen?"  fragte  Fabian.  "Sie  ist doch sehr
eindrucksvoll  gewachsen, und das freche Konfirmandengesicht obendrauf wirkt
so wunderbar unpassend."
     "Wenn  sie  häßlich wäre,  hättest du die Schlüssel  längst  beim
Portier abgegeben." Labude zog den Freund weiter. Sie bogen langsam in  eine
Nebenstraße   ein,   kamen    an   einem   Denkmal,   auf   dem   Herr
Schulze-Delitzsch  stand,  und am  Märkischen  Museum vorbei, der  Steinerne
Roland  lehnte  finster in  einer  Efeuecke, und auf  der Spree jammerte ein
Dampfer. Oben auf der Brücke blieben sie stehen und blickten auf den dunklen
Fluß und  auf  die fensterlosen Lagerhäuser.  Über der  Friedrichstadt
brannte der Himmel.
     "Lieber  Stephan", sagte Fabian  leise, "es ist rührend, wie du dich um
mich bemühst. Aber ich  bin  nicht unglücklicher  als unsere Zeit. Willst du
mich   glücklicher  machen,   als  sie   es  ist?  Und  wenn  du  mir  einen
Direktorposten,  eine  Million  Dollar oder  eine anständige  Frau, die  ich
lieben könnte, verschaffst, oder alle drei Dinge zusammen, es wird dir nicht
gelingen." Ein  kleines  schwarzes  Boot, mit  einer roten Laterne  am Heck,
trieb den Fluß  entlang. Fabian  legte die Hand auf die  Schulter  des
Freundes.  "Als  ich vorhin sagte, ich verbrächte die Zeit  damit, neugierig
zuzusehen, ob die Welt  zur Anständigkeit Talent habe, war das nur die halbe
Wahrheit.  Daß  ich mich so herumtreibe, hat noch einen anderen Grund.
Ich treibe mich herum,  und ich warte wieder,  wie damals im  Krieg, als wir
wußten:  Nun werden wir eingezogen.  Erinnerst du dich? Wir  schrieben
Aufsätze und Diktate, wir lernten scheinbar, und es war gleichgültig, ob wir
es taten oder unterlie­ßen.  Wir sollten  ja in den Krieg. Saßen
wir nicht wie unter einer Glasglocke, aus der man langsam, aber unaufhörlich
die Luft herauspumpt? Wir begannen zu zappeln, doch wir zappelten  nicht aus
Übermut, sondern weil uns die Luft wegblieb. Erinnerst du dich?  Wir wollten
nichts versäumen, und wir  hatten  einen gefährlichen Lebenshunger, weil wir
glaubten, es sei die Henkersmahlzeit."
     Labude lehnte  am  Geländer und blickte auf die Spree hinunter.  Fabian
ging hin und  her, als  liefe er in seinem  Zimmer auf und ab. "Erinnerst du
dich?" fragte er. "Und ein halbes Jahr  später  waren wir marschbereit.  Ich
bekam acht Tage Urlaub und fuhr nach Graal. Ich fuhr hin,  weil ich als Kind
einmal dort gewesen war. Ich fuhr hin, es war Herbst, ich lief melancholisch
über den schwankenden Boden der Erlenwälder.  Die Ostsee  war verrückt,  und
die Kurgäste konnte man zählen. Zehn passable Frauen waren am Lager, und mit
sechsen  schlief   ich.  Die   nächste   Zukunft  haltenden  Entschluß
gefaßt, mich  zu Blutwurst  zu  verarbeiten.  Was sollte ich bis dahin
tun?  Bücher lesen? An  meinem  Charakter  feilen  ? Geld  verdienen  ?  Ich
saß  in einem großen Wartesaal, und der hieß Europa.  Acht
Tage später fuhr der Zug. Das wußte ich.  Aber  wohin er fuhr, und was
aus mir  werden sollte, das wußte kein Mensch.  Und jetzt  sitzen  wir
wieder im Wartesaal, und wieder heißt er Europa! Und wieder wissen wir
nicht,  was  geschehen  wird. Wir leben  provisorisch, die Krise nimmt  kein
Ende!"
     "Zum Donnerwetter!"  rief Labude, "wenn alle so denken wie du, wird nie
stabilisiert!  Empfinde  ich vielleicht  den  provisorischen  Charakter  der
Epoche  nicht? Ist dieses Mißvergnügen dein  Privileg?  Aber  ich sehe
nicht zu, ich versuche, vernünftig zu handeln."
     "Die Vernünftigen werden nicht an die Macht kommen", sagte Fabian, "und
die Gerechten noch weniger."
     "So?" Labude trat dicht vor den Freund und packte ihn mit beiden Händen
am Mantelkragen. "Aber sollten sie es nicht trotzdem wagen?"
     In diesem Augenblick hörten beide einen Schuß und einen Aufschrei
und kurz danach drei Schüsse aus anderer Richtung. Labude rannte ins Dunkel,
die Brücke entlang,  auf das Museum  zu. Wieder klang ein Schuß. "Viel
Spaß!"  sagte  Fabian  zu  sich selber,  während  er lief, und suchte,
obwohl sein Herz schmerzte, Labude zu erreichen.
     Am Fuße des Märkischen Roland kauerte ein Mann, fuchtelte mit dem
Revolver  und  brüllte:  "Warte  nur,  du Schwein!" Und  dann schoß er
wieder über die Straße weg auf einen unsichtbaren Gegner. Eine Laterne
zerbrach. Glas klirrte aufs Pflaster. Labude nahm dem Mann die Waffe aus der
Hand, und Fabian fragte: "Warum schießen Sie eigentlich im Sitzen?"
     "Weil mich's am Bein erwischt hat", knurrte der Mann. Es war ein junger
stämmiger Mensch, und er  trug eine Mütze. "So ein  Mistvieh",  brüllte  er.
"Aber ich weiß, wie du heißt." Und er drohte der Dunkelheit.
     "Quer  durch  die Wade", stellte Labude fest, kniete  nieder,  zog  ein
Taschentuch aus dem Mantel und probierte einen Notverband.
     "Drüben in der  Kneipe ging's  los",  lamentierte  der Verwundete.  "Er
schmierte  ein  Hakenkreuz aufs Tischtuch.  Ich sagte was. Er sagte was. Ich
knallte ihm eine hinter die Ohren. Der Wirt  schmiß uns raus. Der Kerl
lief mir nach und schimpfte auf  die  Internationale. Ich drehte mich um, da
schoß er schon."
     "Sind Sie nun wenigstens  überzeugt?" fragte Fabian und blickte auf den
Mann  hinunter,  der  die  Zähne  zusammenbiß,   weil  Labude  an  der
Schußwunde hantierte.
     "Die Kugel  ist nicht mehr drin", bemerkte Labude. "Kommt denn hier gar
kein Auto? Es ist wie auf dem Dorf."
     "Nicht einmal ein Schutzmann ist da", stellte Fabian bedauernd fest.
     "Der  hätte  mir   gerade  noch  gefehlt!"   Der  Verletzte   versuchte
aufzustehen.  "Damit  sie  wieder einen  Proleten  einsperren,  weil  er  so
unverschämt  war, sich von einem Nazi  die  Knochen  kaputtschießen zu
lassen."
     Labude hielt  den Mann  zurück, zog  ihn wieder zu Boden und befahl dem
Freund,  ein   Taxi  zu  besorgen.  Fabian  rannte  davon,   quer  über  die
Straße, um die Ecke, den nächtlichen Uferweg entlang.
     In der nächsten Nebenstraße standen  Wagen. Er gab dem  Chauffeur
den Auftrag, zum Märkischen Museum zu  fahren, am Roland gäbe es eine Fuhre.
Das Auto verschwand. Fabian folgte zu Fuß. Er atmete tief und langsam.
Das Herz schlug wie verrückt. Es hämmerte unterm Jackett. Es schlug im Hals.
Es pochte unterm Schädel.  Er blieb  stehen und  trocknete die Stirn. Dieser
verdammte Krieg! Dieser verdammte Krieg! Ein krankes Herz dabei  erwischt zu
haben, war zwar eine  Kinderei, aber  Fabian  genügte  das Andenken.  In der
Provinz   zerstreut  sollte  es   einsame  Gebäude   geben,  wo  noch  immer
verstümmelte  Soldaten  lagen.  Männer  ohne  Gliedmaßen,  Männer  mit
furchtbaren Gesichtern,  ohne Nasen, ohne Münder. Krankenschwestern, die vor
nichts  zurückschreckten, füllten diesen  entstellten Kreaturen Nahrung ein,
durch  dünne  Glasröhren,   die  sie  dort  in   wuchernd  vernarbte  Löcher
spießten,  wo früher einmal  ein Mund gewesen war. Ein Mund, der hatte
lachen und sprechen und schreien können. Fabian bog um  die Ecke. Drüben war
das Museum. Das Auto hielt davor. Er schloß die Augen und entsann sich
schrecklicher Fotografien, die er gesehen hatte  und die  mitunter in seinen
Träumen  auftauchten  und  ihn erschreckten. Diese armen Ebenbilder  Gottes!
Noch immer lagen sie  in jenen von der Welt isolierten Häusern, mußten
sich füttern lassen und mußten weiterleben. Denn es war ja  Sünde, sie
zu töten. Aber es war recht gewesen, ihnen mit Flammenwerfern das Gesicht zu
zerfressen. Die Familien wußten  nichts von diesen Männern  und Vätern
und Brüdern. Man hatte ihnen  gesagt,  sie wären  vermißt. Das war nun
fünfzehn Jahre her. Die Frauen hatten wieder geheiratet. Und der Selige, der
irgendwo in der Mark Brandenburg durch Glasröhren gefüttert wurde,  lebte zu
Hause  nur  noch als hübsche  Fotografie überm Sofa, ein Sträußchen im
Gewehrlauf, und  darunter  saß  der Nachfolger  und  ließ sich's
schmecken. Wann gab es wieder Krieg? Wann würde es wieder soweit sein?
     Plötzlich rief  jemand "Hallo!" Fabian öffnete die Augen und suchte den
Rufer.  Der  lag auf der  Erde, hatte sich  auf  den Ellenbogen gestützt und
preßte seine Hand aufs Gesäß.
     "Was ist denn mit Ihnen los?"
     "Ich bin der andere", sagte der Mann. "Mich hat's auch erwischt."
     Da  stellte sich  Fabian breitbeinig  hin und  lachte. Von der  anderen
Seite her, aus dem Gemäuer des Museums, lachte ein Echo mit.
     "Entschuldigen  Sie",  rief Fabian, "meine Heiterkeit ist nicht  gerade
höflich." Der Mann zog ein Knie hoch, schnitt eine Grimasse, betrachtete die
Hände,  die voll Blut  waren, und sagte verbissen:  "Wie's beliebt.  Der Tag
wird kommen, wo Ihnen das Lachen vergeht."
     "Warum stehst du  denn da herum?" schrie Labude und  kam ärgerlich über
die Straße.
     "Ach, Stephan",  sagte Fabian, "hier sitzt die andere Hälfte des Duells
mit einem Steckschuß im Allerwertesten."
     Sie  riefen den Chauffeur und transportierten  den  Nationalsozialisten
ins Auto, neben den kommunistischen  Spielgefährten.  Die Freunde kletterten
hinterdrein und gaben dem Chauffeur Anweisung,  sie zum nächsten Krankenhaus
zu bringen.
     Das Auto fuhr los.
     "Tut's sehr weh?" fragte Labude.
     "Es   geht",  antworteten  die   beiden  Verwundeten  gleichzeitig  und
musterten sich finster.
     "Volksverräter!" sagte der Nationalsozialist.  Er war  größer als
der Arbeiter,  etwas  besser gekleidet und sah etwa wie ein Handlungsgehilfe
aus.
     "Arbeiterverräter!" sagte der Kommunist.
     "Du Untermensch!" rief der eine.
     "Du Affe!" rief der andere. Der Kommis griff in die Tasche.
     Labude faßte sein  Handgelenk.  "Geben  Sie  den  Revolver  her!"
befahl er. Der Mann sträubte sich. Fabian holte die Waffe heraus und steckte
sie ein.
     "Meine  Herren",  sagte  er.  "Daß es mit  Deutschland  so  nicht
weitergehen kann, darüber  sind wir  uns wohl alle  einig. Und daß man
jetzt  versucht,  mit  Hilfe  der  kalten  Diktatur unhaltbare  Zustände  zu
verewigen, ist eine Sünde, die bald genug ihre  Strafe finden wird. Trotzdem
hat  es  keinen  Sinn,  wenn  Sie einander Reservelöcher in die entlegensten
Körperteile schießen. Und wenn Sie besser getroffen hätten und nun ins
Leichenschauhaus führen, statt in  die  Klinik, wäre auch nichts  Besonderes
erreicht. Ihre Partei", er meinte den  Faschisten, "weiß nur,  wogegen
sie kämpft, und auch das  weiß sie nicht genau.  Und Ihre  Partei", er
wandte sich an den Arbeiter, "Ihre Partei..."
     "Wir kämpfen gegen die  Ausbeuter  des Proletariats", erklärte  dieser,
"und Sie sind ein  Bourgeois." "Freilich",  antwortete Fabian, "ich bin  ein
Kleinbürger, das ist heute ein großes Schimpfwort."
     Der Handlungsgehilfe hatte Schmerzen, saß, zur Seite geneigt, auf
der  heilen Sitzfläche  und hatte  Mühe,  mit seinem Kopf nicht  an den  des
Gegners zu stoßen.
     "Das Proletariat ist ein  Interessenverband", sagte Fabian. "Es ist der
größte Interessenverband.  Daß ihr  euer  Recht  wollt, ist eure
Pflicht. Und ich  bin euer Freund, denn wir haben denselben Feind, weil  ich
die  Gerechtigkeit liebe. Ich  bin euer  Freund, obwohl  ihr darauf  pfeift.
Aber, mein Herr, auch wenn  Sie  an die Macht kommen, werden die  Ideale der
Menschheit im verborgenen sitzen und  weiterweinen.  Man ist noch  nicht gut
und klug, bloß weil man arm ist."
     "Unsere Führer..." begann der Mann.
     "Davon wollen wir lieber nicht reden", unterbrach ihn Labude.
     Das  Auto  hielt. Fabian  klingelte  am Portal  des  Krankenhauses. Der
Portier  öffnete. Krankenwärter  kamen  und  trugen die  Verletzten aus  dem
Wagen. Der wachhabende Arzt gab den Freunden die Hand.
     "Sie bringen mir zwei Politiker?" fragte er lächelnd. "Heute nacht sind
insgesamt  neun  Leute   eingeliefert  worden,   einer  mit  einem  schweren
Bauchschuß. Lauter  Arbeiter  und  Angestellte. Ist Ihnen  auch  schon
aufgefallen,  daß  es sich meist um Bewohner von  Vororten handelt, um
Leute, die  einander  kennen? Diese politischen  Schießereien gleichen
den Tanzbodenschlägereien  zum Verwechseln. Es handelt sich hier wie dort um
Auswüchse des deutschen Vereinslebens. Im übrigen hat  man den Eindruck, sie
wollen die Arbeitslosenziffer  senken, indem sie einander totschießen.
Merkwürdige Art von Selbsthilfe."
     "Man kann es verstehen, daß das Volk erregt ist", meinte Fabian.
     "Ja, natürlich." Der Arzt  nickte. "Der Kontinent hat den Hungertyphus.
Der  Patient beginnt bereits zu phantasieren und um sich  zu schlagen. Leben
Sie wohl!" Das Portal schloß sich.
     Labude gab dem Chauffeur Geld  und schickte  den  Wagen weg. Sie gingen
schweigend nebeneinander. Plötzlich blieb Labude stehen und sagte: "Ich kann
jetzt  noch  nicht  nach  Hause  gehen. Komm, wir  fahren  ms  Kabarett  der
Anonymen."
     "Was ist das?"
     "Ich  kenne es  auch  noch  nicht. Ein findiger  Kerl hat Halbverrückte
aufgelesen und  läßt  sie singen und tanzen.  Er zahlt  ihnen ein paar
Mark,  und sie lassen  sich dafür  vom Publikum beschimpfen  und  auslachen.
Wahrscheinlich merken sie  es gar nicht. Das Lokal soll  sehr  besucht sein.
Das ist ja  auch verständlich. Es gehen sicher Leute  hin, die sich  darüber
freuen,  daß es  Menschen  gibt,  die  noch  verrückter sind  als  sie
selber."
     Fabian  war einverstanden.  Er  blickte  noch  einmal  zum  Krankenhaus
zurück, über dem der Große Bär funkelte.
     "Wir leben in einer großen Zeit", sagte er, "und  sie wird  jeden
Tag größer."


     SIEBENTES KAPITEL

     Verrückte auf dem Podium
     Die Todesfahrt von Paul Müller
     Ein Fabrikant in Badewannen

     Vor  dem Kabarett parkten viele  Privatautos. Ein rotbärtiger Mann, der
einen Pleureusenhut  trug und  eine riesige Hellebarde hielt, lehnte an  der
Tür des Lokals und rief: "Immer herein in die Gummizelle!" Labude und Fabian
traten  ein,  gaben die Garderobe ab und fanden nach  langem  Suchen  in dem
überfüllten, verqualmten Raum an einem Ecktisch Platz.
     Auf  der  wackligen  Bühne machte ein  zwecklos  vor sich hinlächelndes
Mädchen  Sprünge. Es handelte sich  offenbar um  eine Tänzerin. Sie trug ein
giftgrünes selbstge­schneidertes Kleid, hielt eine  Ranke künstlicher Blumen
und warf sich und die Ranke in regelmäßigen Zeitabständen in die Luft.
Links  von der  Bühne  saß  ein zahnloser Greis an  einem  verstimmten
Klavier und spielte die Ungarische Rhapsodie.
     Ob der  Tanz und das Klavierspiel miteinander in Beziehung standen, war
nicht  ersichtlich. Das Publikum, ausnahmslos elegant gekleidet, trank Wein,
unterhielt sich laut und lachte.
     "Fräulein,  Sie  werden  dringend  am  Telefon  verlangt!"  schrie  ein
glatzköpfiger Herr, der  mindestens Generaldirektor war. Die anderen lachten
noch  mehr  als vorher. Die Tänzerin  ließ  sich  nicht  aus der  Ruhe
bringen  und fuhr fort zu lächeln und zu springen. Da hörte das Klavierspiel
auf.  Die Rhapsodie  war  zu  Ende.  Das Mädchen  auf  der  Bühne  warf  dem
Klavierspieler einen  bösen Blick  zu und hüpfte weiter, der  Tanz war  noch
nicht aus.  "Mutter, dein Kind ruft!"  kreischte eine Dame,  die ein Monokel
trug.
     "Ihr Kind auch", bemerkte jemand von einem entfernten Tisch.
     Die Dame drehte sich um. "Ich  habe keine  Kinder." "Da können Sie aber
lachen!" rief man aus dem Hintergrund.
     "Ruhe!" brüllte jemand anders. Der Wortwechsel hörte auf.
     Das Mädchen  tanzte noch  immer,  obwohl ihr  längst  die  Beine wehtun
mußten. Schließlich  fand sie selber, es sei  genug,  landete in
einem  mißlungenen  Knicks,  lächelte  noch  alberner  als  vorher und
breitete die Arme aus. Ein dicker Herr im Smoking stand auf. "Gut, sehr gut!
Sie können morgen zum Teppichklopfen kommen!"
     Das  Publikum lärmte  und klatschte. Das  Mädchen  knickste wieder  und
wieder.
     Da kam  ein  Mann aus  der Kulisse,  zog die Tänzerin,  die sich heftig
sträubte, von der Bühne und trat selber an die Rampe.
     "Bravo, Caligula!" rief eine Dame aus der ersten Tischreihe.
     Caligula, ein rundlicher junger Jude mit Hornbrille, wandte sich an den
Herrn, der neben der Ruferin saß. "Ist das Ihre Frau?" fragte er.
     Der Herr nickte.
     "Dann  sagen  Sie Ihrer Frau, sie  soll  die  Schnauze  halten!"  sagte
Caligula.  Man  applaudierte. Der Mann  m der  ersten Tischreihe  wurde rot.
Seine Frau fühlte sich geschmeichelt. "Ruhe, ihr Armleuchter!" rief Caligula
und  hob  die Hände. Es wurde ruhig. "War die Tanzdarbietung nicht  geradezu
ein Erlebnis?"
     "Jawohl", brüllten alle.
     "Aber es kommt noch  besser.  Jetzt schicke ich einen  heraus, der Paul
Müller heißt. Er ist aus Tolkewitz. Das liegt  in Sachsen. Paul Müller
spricht sächsisch  und  gibt  vor,  Rezitator  zu  sein. Er wird Ihnen  eine
Ballade vortragen. Machen Sie sich auf das Äußerste gefaßt. Paul
Müller aus Tolkewitz ist, wenn nicht alles täuscht, verrückt. Ich habe keine
Kosten  gescheut, diese  wertvolle Kraft für mein Kabarett zu gewinnen. Denn
ich kann es nicht dulden, daß nur im Zuschauerraum Verrückte sind."
     "Das geht entschieden zu  weit!" rief ein Besucher, dessen  Gesicht mit
Schmißnarben verziert  war. Er  war aufgesprungen und zog sich  empört
das  Jackett  straff.  "Hin­setzen!" sagte  Caligula  und verzog  den  Mund.
"Wissen Sie, was Sie sind? Ein Idiot!"
     Der Akademiker rang nach Luft.
     "Im  übrigen", fuhr der Kabarettinhaber  fort,  "im  übrigen meine  ich
Idiot nicht in beleidigendem Sinn, sondern als Charakteristikum."
     Die  Leute lachten und klatschten.  Der  Herr mit den Schmissen und der
Empörung wurde von seinen Bekannten auf den Stuhl gezogen und beschwichtigt.
Caligula nahm eine Klingel in die Hand,  schellte wie  ein Nachtwächter  und
rief: "Paul Müller, erscheine!" Dann ver­schwand er.
     Aus dem Hintergrund nahte ein langaufgeschossener, ungewöhnlich blasser
Mensch in abgerissener Kleidung. "Tag, Müller!" brüllte man.
     "Er ist zu schnell gewachsen", meinte jemand.
     Paul Müller verbeugte sich,  zeigte  herausfordernden Ernst im Gesicht,
fuhr sich durch die  Haare und preßte dann die Hände vor die Augen. Er
sammelte sich.  Plötzlich zog  er  die Hände vom  Gesicht fort, streckte sie
weit von sich, spreizte die Finger, riß die Augen auf und sagte:  "Die
Todesfahrt von Paul Müller." Dann trat er noch einen Schritt vor.
     "Fall  nicht  runter!"  rief  die  Dame,  der  von Caligula  eigentlich
befohlen worden  war, die Schnauze zu halten. Paul  Müller machte aus  Trotz
noch ein  Schrittchen, blickte verächtlich  auf  das Publikum  da unten  und
begann wieder: "Die Todesfahrt von Paul Müller."

     "Das war der Graf von Hohenstein.
     Der sperrte seine Tochter ein.
     Sie liebte einen Offizier.
     Der Vater sprach: "Du bleibst bei mir"!"

     In  diesem   Augenblick  warf   jemand   aus  dem  Publikum  ein  Stück
Würfelzucker auf die Bühne. Paul Müller bückte sich, steckte  den Zucker ein
und fuhr mit unheilschwangerer Stimme fort:

     "Da half nur Flucht, und die Komteß
     entfloh in ihrem zehn PS.
     Sie steuerte durch Nacht und Not.
     Doch auf dem Kühler saß der Tod!"

     Wieder warf man Zucker auf die Bühne. Vermutlich saßen Stammgäste
in dem Raum, die den Gewohnheiten der Künstler Rechnung trugen. Andere Gäste
folgten  dem  Beispiel,  und  allmählich  kam  ein  Würfelzuckerbombardement
zustande,  dem Müller dadurch zu begegnen  wußte,  daß  er  sich
dauernd bückte.
     Es entwickelte  sich  ein  Balladenvortrag  mit  Kniebeugen.  Auch  mit
aufgerissenem  Mund   versuchte  Müller,   den   ihm   zufliegenden   Zucker
aufzufangen.  Sein Gesicht wurde immer drohender. Seine  Stimme klang  immer
schwärzer. Man  entnahm  der  Rezitation,  daß  in jener schrecklichen
Nacht nicht  nur die Komteß Hohenstein Auto fuhr, um zu ihrem Offizier
zu  gelangen, sondern daß auch der  Geliebte in seinem Wagen unterwegs
war und sich dem Schloß näherte, wo er das Fräulein vermutete, während
sie   ihm   doch  entgegeneilte.  Da   die   zwei   Liebenden   die  gleiche
Landstraße  benutzten,   da  es  sich  ferner  um  eine  ausgesprochen
regnerische,  neblige  Nacht  handelte,  und  da  das  Gedicht  "Todesfahrt"
hieß, war mit großer Wahrscheinlichkeit zu befürchten, daß
die beiden Autos  zusammen­stoßen würden. Paul  Müller beseitigte auch
den letzten Zweifel darüber.
     "Mach  den Mund zu,  sonst fallen dir die Sägespäne  aus dem  Schädel!"
brüllte eine Stimme. Aber das Autounglück war nicht mehr aufzuhalten.

     "Das Auto jenes Offiziers
     kam links gefahren, rechts kam ihrs.
     Der Nebel war entsetzlich dick.
     Und so vollzog sich das Geschick.
     Von links ein Schrei,
     von rechts ein Schrei - "

     "Das macht nach Adam Riese zwei!" schrie jemand. Die  Leute johlten und
klatschten. Sie  hatten von  Paul Müller genug und waren auf den Ausgang der
Tragödie nicht länger neugierig.
     Er deklamierte weiter. Aber man sah nur, daß er den Mund bewegte.
Zu hören war nichts, die Todesfahrt ging im Lärm der Überlebenden  unter. Da
packte den dürren Balladendichter die blasse  Wut.  Er sprang vom Podium und
rüttelte die Dame derartig an den Schultern, daß ihr die Zigarette aus
dem Mund und in den blauseidenen Schoß fiel. Sie sprang schreiend auf.
Ihr  Begleiter erhob  sich  ebenfalls und schimpfte. Es klang, als belle ein
Hund. Paul Müller gab dem  Kavalier  einen Stoß, daß  er  in den
Stuhl zurücktaumelte.
     Da tauchte  Caligula  auf. Er  war wütend  und glich einem knirschenden
Tierbändiger,  zog den Mann aus Tolkewitz an der Krawatte und führte ihn ins
Künstler­zimmer.
     "Pfui Teufel", sagte Labude, "unten Sadisten und oben Verrückte."
     "Dieser  Sport  ist  international",  meinte Fabian, "in  Paris gibt es
dieselbe Sache. Dort schreien die Zuschauer: "Tue-le!" und dann schiebt sich
eine  riesengroße  hölzerne  Hand  aus der Kulisse  und  schaufelt den
Ärmsten aus dem Gesichtskreis. Er wird weggefegt!"
     "Caligula nennt sich der  Bursche.  Er  kennt  sich  aus. Sogar  in der
römischen  Geschichte."  Labude  stand  auf und ging.  Er hatte genug.  Auch
Fabian  erhob  sich. Da schlug ihn  jemand derb auf die Schulter. Er  drehte
sich um. Der Mann strahlte über  das ganze Gesicht und rief vergnügt: "Alter
Junge, wie geht's dir denn?"
     "Danke, gut."
     "Nein, wie  ich mich  freue, dich  altes  Haus mal wiederzusehen!"  Der
Akademiker  gab Fabian einen Freuden­stoß  vor  den Brustkasten, genau
auf  einen der  Hemdknöpfe.  "Kommen Sie",  meinte Fabian,  "prügeln wir uns
draußen  weiter!" Dann drängte er sich, zwischen Stühlen hindurch,  in
den Vorraum. "Mein Lieber", sagte  er zu Labude, der sich den  Mantel anzog,
"wir wol­len schnell machen. Eben hat mich einer ununterbrochen geduzt." Sie
nahmen die Hüte. Aber es war schon zu spät.
     Der Mann  mit den Schmissen  schob  eine  sommersprossige Frau vor sich
her, als könne sie nicht allein laufen, und sagte zu ihr: "Siehst  du, Meta,
der Herr war auf dem Pennal unser Primus." Und  zu Fabian sagte er: "Das ist
meine Frau, alter Knabe. Meine bessere Hälfte gewissermaßen. Wir leben
in Remscheid. Ich habe den Assessor an den Nagel gehängt und bin im Geschäft
meines Schwiegervaters.  Wir machen Badewannen.  Wenn  du mal eine  brauchen
solltest, kannst  du sie zum Engrospreis  haben! Haha! Ja, es geht mir  gut.
Danke,  glückliche  Ehe,  Wohnung  in  einem Zweifamilienhaus,  großer
Garten  dahinter,  nicht ganz  ohne Bargeld,  Kind haben wir auch, aber noch
nicht lange."
     "Es ist erst so groß", entschuldigte sich Meta und zeigte mit den
Händen,  wie klein  das Kind war.  "Es  wird  schon noch  wachsen", tröstete
Labude.  Die Frau blickte ihn dankbar an und hängte sich bei ihrem Mann ein.
"Also, alter Schwede",  fing der Akademiker wieder an, "nun erzähle mal, was
du die ganze Zeit über gemacht hast."
     "Nichts  Besonderes", bemerkte Fabian. "Augenblicklich  bastle  ich  an
einer Weltraumrakete. Ich will mir mal den Mond ansehen."
     "Ausgezeichnet",  rief der  Mann, der in  die Badewannen  eingeheiratet
hatte. "Deutschland allen voran! Und wie geht's deinem Bruder?"
     "Sie überschütten  mich  mit  frohen  Neuigkeiten,  mein  Herr",  sagte
Fabian.  "Ein  Brüderchen  habe ich  mir  schon  lange  gewünscht.  Nur eine
bescheidene Zwischenfrage: Wo sind Sie eigentlich aufs Gymnasium gegangen?"
     "In Marburg natürlich."
     Fabian  hob bedauernd  die Schultern.  "Es soll eine  bezaubernde Stadt
sein, aber ich kenne Marburg leider gar nicht."
     "Dann  entschuldigen  Sie   vielmals",  knarrte  der   andere.  "Kleine
Verwechslung,  täuschende Ähnlichkeit, nichts  für ungut."  Er  knallte  die
Absätze  zusammen, befahl:  "Komm,  Meta!" und entfernte sich.  Meta blickte
Fabian  verlegen  an,  nickte  Labude  zu  und folgte  dem  Gemahl. "So  ein
dämlicher Affe!"  Fabian war entrüstet. "Spricht wildfremde Leute an und tut
familiär. Ich  habe diesen Caligula im Verdacht,  daß die Anpöbelei zu
seiner Kabarettregie gehört."
     "Das  glaube ich  nicht", meinte  Labude.  "Die Badewannen waren sicher
echt, und das entsetzlich kleine Kind auch." Sie  gingen  heimwärts.  Labude
schaute trübselig aufs Pflaster. "Es ist eine Schande", sagte er  nach einer
Weile.  "Dieser  gewesene Assessor hat  eine  Wohnung,  einen Garten,  einen
Beruf,  eine  Frau mit Sommersprossen  und  was noch  alles.  Und  unsereins
vegetiert herum wie ein Landstreicher  ohne Land, man hat noch keinen festen
Beruf, man hat kein festes Einkommen, man hat kein festes Ziel und nicht mal
eine feste Freundin."
     "Du hast doch Leda."
     "Und was mich besonders aufbringt", fuhr  Labude fort, "so ein Kerl hat
ein eigenes, selbstgemachtes Kind."
     "Sei nicht  neidisch",  sagte Fabian,  "dieser  juristisch vorgebildete
Badewannenfabrikant ist  ein  Ausnahmefall.  Wer  von den Leuten, die  heute
dreißig Jahre  alt sind,  kann  heiraten? Der eine ist arbeitslos, der
andere verliert morgen seine Stellung.  Der dritte hat noch nie eine gehabt.
Unser Staat ist  darauf,  daß Generationen nachwachsen, momentan nicht
eingerichtet. Wem  es dreckig geht,  der bleibt am besten allein, statt Frau
und Kind an seinem Leben proportional zu beteiligen. Und wer trotzdem andere
mit hineinzieht, der handelt  mindestens  fahrlässig. Ich weiß  nicht,
von wem der Satz stammt, daß geteiltes Leid halbes Leid sei, aber wenn
der Quatschkopf noch leben sollte,  dann wünsche ich  ihm  zweihundert  Mark
monatlich und eine achtköpfige Familie.  Da soll er sein Leid so lange durch
acht dividieren, bis er schwarz wird."  Fabian  sah den Freund von der Seite
an.  "Übrigens,  wozu bedrückt dich das? Dein Vater gibt dir doch Geld.  Und
wenn  du  die  Venia  legendi   hast,   wirst  du  noch  ein  paar  Groschen
dazuverdienen. Dann heiratest du Leda, und deinen Vaterfreuden  steht nichts
mehr im Wege."
     "Es gibt ja auch andere Schwierigkeiten außer den  ökonomischen",
sagte Labude, blieb  stehen und winkte einem Taxi. "Sei mir nicht böse, wenn
ich jetzt allein sein will. Kannst du mich morgen bei meinen Eltern abholen?
Ich muß dir  verschiedenes erzählen." Er  drückte dem  Freund etwas in
die Hand und stieg in den wartenden Wagen.
     "Handelt es sich um Leda?"  fragte Fabian durchs offene Fenster. Labude
nickte  und senkte den  Kopf. Das Auto fuhr an. Der andere blickte dem Wagen
nach. "Ich komme!" rief er. Doch  das Auto  war schon weit weg, und das rote
Schlußlicht konnte  ein  Glühwürmchen sein.  Dann  besann er  sich und
stellte fest, was er in der Hand hielt. Es war ein Fünfzigmarkschein.


     ACHTES KAPITEL

     Studenten treiben Politik
     Labude sen. liebt das Leben
     Die Ohrfeige an der Außenalster

     Labudes Eltern bewohnten im Grunewald  einen  großen griechischen
Tempel.  Eigentlich war es kein  Tempel, sondern eine  Villa. Und eigentlich
bewohnten sie die Villa gar nicht. Die Mutter war viel auf  Reisen, meist im
Süden, in einem Landhaus bei Lugano. Erstens gefiel es ihr am Lago di Lugano
besser  als  am Grunewaldsee. Und  zweitens fand  Labudes  Vater,  die zarte
Gesundheit seiner Frau erfordere südlichen Aufenthalt. Er liebte  seine Frau
sehr, besonders in ihrer Abwesenheit. Seine  Zuneigung wuchs im  Quadrat der
Entfernung, die  zwischen  ihnen lag. Er war  ein bekannter  Verteidiger. Da
seine  Klienten viel  Geld  und viele Prozesse hatten, hatte  auch er  viele
Prozesse und  viel Geld. Die Aufregungen des Berufs, den er liebte, genügten
ihm nicht.  Fast jede Nacht saß er in  Spielklubs. Die Ruhe, die  sein
Haus  verbreitete,  war  ihm  höchst zuwider. Und  die  vorwurfsvollen Augen
seiner  Frau brachten  ihn  zur Verzweiflung.  Da  beide  befürchteten,  den
anderen  anzutreffen, mieden  beide die  Villa,  sooft das möglich war.  Und
Stephan, der Sohn, mußte, wenn er seinen Eltern  begegnen wollte,  auf
die  Gesellschaften   gehen,  die   sie  im   Winter  gaben.  Da  ihn  diese
Veranstaltungen von  Jahr zu  Jahr mehr abstießen, bis er  sie endlich
nicht mehr besuchte, traf er seine Eltern nur noch aus Versehen.
     Das  meiste, was er  über den  Vater wußte,  hatte er einmal  von
einer jungen Schauspielerin erfahren. Das war auf einem  Maskenball gewesen,
und sie  hatte ihm  sehr  eingehend  den Mann  geschildert,  der  sie damals
finanzierte. Leichtfertige  Frauen  versuchen ja gelegentlich,  Liebhaber zu
erwerben, indem sie die intimen Sitten und Gebräuche der ehemaligen Besitzer
ausplauderten.  Im  Laufe  des  Gesprächs  hatte   es  sich  herausgestellt,
daß von Justizrat Labude die Rede gewesen war,  und  Stephan hatte das
Fest fluchtartig verlassen. Fabian kam  nicht gern m  die Grunewaldvilla. Er
empfand den Aufwand, den solche Häuser mit  sich treiben lassen, als albern.
Er  konnte  sich  überhaupt  nicht  vorstellen,  daß  man   mitten  in
derartigem Luxus das Gefühl, man sei nur auf Besuch, jemals loswerden könne.
Und  er  fand  es,  von  allen  anderen  Gründen  abgesehen,  schon  deshalb
vollkommen  in  Ordnung,  daß  sich Labudes  Eltern in dem  Wohnmuseum
entfremdet hatten.
     "Schrecklich", sagte er  zu  dem Freund, der am Schreibtisch saß,
"jedesmal, wenn ich  hierher  komme,  erwarte ich, daß mir euer Diener
Filzpantoffeln überzieht und mit einer Schloßführung beginnt. Falls du
mir erzählen solltest, daß der Große Kurfürst auf  diesem  Stuhl
hier in  die Schlacht von Fehrbellin  geritten ist, könnte  ich mich  bereit
erklären, es zu glauben. Im übrigen danke ich dir für das Geld."
     Labude winkte  ab. "Du weißt, daß ich mehr davon habe,  als
notwendig ist.  Lassen wir das. Ich bat dich  hierher, weil ich dir erzählen
will, was mir in Hamburg passiert ist."
     Fabian stand auf und setzte sich aufs Sofa. Jetzt befand er sich hinter
Labudes  Rücken, und  der Freund brauchte ihn  während des  Sprechens  nicht
anzusehen.  Sie blickten beide  zum Fenster hinaus, auf grüne  Bäume und auf
rote  Villendächer.  Das  Fenster war  offen, und  manchmal  kam  ein Vogel,
spazierte auf dem  Fensterbrett  hin und her,  musterte mit schiefgehaltenem
Kopf  das Zimmer und flog wieder in den Garten zurück.  Außerdem hörte
man, wie jemand mit einem Rechen die Kieswege harkte.
     Labude sah  starr in  die Zweige  des nächsten  Baumes. "Rassow schrieb
mir,  er  spräche  im  Hamburger  Auditorium  Maximum,  vor Studenten  aller
Richtungen,  über  das Thema "Tradition  und Sozialismus". Und er schlug mir
vor, als Korreferent oder im Rahmen  der Diskussion  von meinen  politischen
Plänen zu erzählen. Ich fuhr hinüber. Der Vortrag  begann. Rassow berichtete
den Studenten von  seiner Rußlandreise  und von seinen Erfahrungen und
Gesprächen mit russischen Künstlern und Wissenschaftlern. Er  wurde von  den
Vertretern  der  sozialistischen  Studentenschaft  wiederholt  unterbrochen.
Anschließend  sprach  ein  Kommunist und  wurde  seinerseits  von  den
Bürgerlichen  gestört.  Dann  kam  ich an  die  Reihe.  Ich  skizzierte  die
kapitalistische Situation Europas und stellte die  Forderung auf,  daß
die   bürgerliche   Jugend   sich  radikalisieren   und  daß  sie  den
kontinentalen  Ruin,  der von allen Seiten, passiv  oder aktiv,  vorbereitet
wird,  aufhalten  müsse.  Diese  Jugend,  sagte  ich,  sei  im  Begriff,  in
absehbarer  Zeit  die  Führerschaft  in  Politik, Industrie, Grundbesitz und
Handel zu übernehmen, die Väter  hätten abgewirtschaftet, und es  sei unsere
Aufgabe,  den  Kontinent  zu  reformieren:  durch  freiwillige  Kürzung  des
privaten Profits, durch Zurückschraubung  des  Kapitalismus  und der Technik
auf ihre vernünftigen Maße, durch  Steigerung der sozialen Leistungen,
durch kulturelle  Vertiefung der Erziehung und  des  Unterrichts. Ich sagte,
diese  neue  Front,  diese  Querverbindung der Klassen  sei möglich, da  die
Jugend  wenigstens  die Elite,  den  hemmungslosen Egoismus verabscheue  und
außerdem  klug genug sei,  eine  Zurückführung in organische  Zustände
einem  unvermeidlichen Zusammenbruch des Systems  vorzuziehen. Wenn es schon
ohne Klassenherrschaft nicht  abgehe, sagte ich, dann solle man sich für das
Regime  unserer  Altersklasse entscheiden.  Bei  den Vertretern der extremen
Gruppen erntete mein  Vortrag die übliche  Heiterkeit. Aber  als Rassow  den
Antrag zur  Bildung einer radikal-bürgerlichen  Initiative  einbrachte, fand
das doch Beifall.  Die Gruppe kam zustande. Wir entwarfen einen  Aufruf, der
an  alle  europäischen Universitäten verschickt werden wird. Rassow, ich und
ein paar andere wollen die  deutschen Hochschulen besuchen,  Vorträge halten
und analoge Gruppen bilden. Wir hoffen,  mit  den sozialistischen  Studenten
eine  Art Kartellverbindung einzugehen.  Wenn  wir  an  allen  Universitäten
Gruppen  gebildet  haben,  werden  von  diesen  auch  andere  intellektuelle
Körperschaften bearbeitet. Die  Sache  kommt in Gang. Ich  habe  dir gestern
nichts davon erzählt, weil ich ja deine Skepsis zur Genüge kenne."
     "Ich freue mich",  sagte Fabian, "ich freue mich sehr, daß du nun
an  die Verwirklichung deines Planes herangehen  kannst.  Hast du dich schon
mit  der  Gruppe  der unabhängigen  Demokraten  in  Verbindung  gesetzt?  In
Kopenhagen ist ein "Club Europa" gebildet worden, notiere es dir. Und ärgere
dich nicht zu sehr über meine  Zweifel an der  Gutartigkeit  der Jugend. Und
sei mir nicht böse, wenn ich nicht glaube, daß sich Vernunft und Macht
jemals  heiraten  werden. Es handelt sich leider um  eine Antinomie. Ich bin
der Überzeugung, daß es  für die Menschheit, so wie  sie ist, nur zwei
Möglichkeiten gibt.  Entweder ist man  mit seinem Los  unzufrieden, und dann
schlägt man einander tot, um die Lage  zu verbessern, oder